Katholische Akademie eröffnet umstrittene Foto-Ausstellung
zur Diskreditierung von Prostitution
Mit lautstarkem Protest begleiteten Sexarbeiter*innen und Aktivisten von Doña Carmen e.V. am 20. Febr. 2026 die Eröffnung der Ausstellung „gesichtslos – Frauen in der Prostitution“.
Dort verteilten sie an viele Interessierte den „Offenen Brief“ an den Leiter der Katholischen Akademie, Herrn Prof. Dr. Valentin, in dem der Verein Doña Carmen bereits am 23. 01.2026 die Absetzung der umstrittenen Ausstellung forderte und diese Forderung ausführlich begründete.
Der Kernvorwurf von Doña Carmen gegenüber der Ausstellung lautet, dass sie ganz bewusst und gezielt ein Zerrbild der tatsächlichen Umstände der Prostitutionsausübung zeichne. So habe man zehn Frauen in zumeist unwirtlicher und unwirklicher Umgebung schwarz-weiß abgelichtet, in der Regel verloren und allein gelassen, sodass sich bei den Betrachter*innen zwangsläufig der Eindruck von Elend, Tristesse und Perspektivlosigkeit der Sexarbeit einstellen muss.
Durch Maskierung der abgelichteten Sexarbeiter*innen wird die Annahme ihrer „Gesichtslosigkeit“ nahegelegt. Damit wird ihnen ihr Subjektstatus abgesprochen, was einer Verächtlichmachung ihrer Person gleichkommt.
Kernaussage der Ausstellung und ihrer von den Ausstellungsmachern hinzugefügten Kommentierungen ist, dass Prostitution mehrheitlich unter prekären Umständen erfolgt, sodass der Anspruch einer Rettung dieser Opfer („Opferschutz“) naheliegend zu sein scheint und die Einführung einer Freier-Kriminalisierung nach dem „Nordischen Modell“ sich gleichsam als logische Schlussfolgerung zum Wohle der Frauen ergibt (vgl. Antwort von Dr. Kathrin Zelter, Studienleiterin am Haus am Dom).
Dass bereits die Prämisse der Argumentation falsch ist, lässt sich im KFN-Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz vom Juni 2025 nachlesen. Dort ergab eine Cluster-Analyse auf Basis von 2.350 befragten Sexarbeiter*innen, dass rund 85 % der Sexarbeiter*innen als „resilient“, hingegen nur 15 % als „vulnerabel“ einzustufen seien. Letzteres traf vermehrt auf männliche Sexarbeiter*innen, Trans-Sexarbeiter*innen und drogenabhängige Personen in der Sexarbeit zu, die in besonderem Maße gewaltbetroffen seien. (vgl. Evaluationsbericht, S. 556)
Die von der Katholischen Akademie präsentierte Ausstellung erweckt hingegen den Eindruck, Sexarbeit sei per se eine gewalttätige Angelegenheit. So erklärte Frau Dr. Zelter gegenüber der Frankfurter Rundschau (das Interview liegt Dona Carmen vor, wurde aber in der hier vorliegenden Fassung nicht veröffentlicht):
„Die Lebenslagen, die Frauen in die Prostitution führen, sind komplex und vielfach von struktureller Gewalt geprägt. Viele Betroffene haben bereits in der Kindheit Gewalt erfahren; weitere soziale, ökonomische und psychische Faktoren verstärken diese Vulnerabilität. Prostitution betrifft in besonderem Maße marginalisierte Gruppen. Studien zeigen, dass die Gewaltprävalenzen bei prostituierten Frauen bei psychischer und physischer Gewalt etwa zwei- bis dreimal, bei sexueller Gewalt nahezu fünfmal so hoch sind wie im Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung in Deutschland.“
An diesen Aussagen entspricht so ziemlich nichts der Wahrheit. Sie stützt sich nicht etwa, wie behauptet, auf viele „Studien“, sondern lediglich auf eine einzige Studie aus dem Jahr 2004, die mittlerweile vom Auftraggeber, dem Bundesfamilienministerium, vom Netz genommen wurde (Schröttle/Müller, Teilpopulationen-Erhebung bei Prostituierten, 2004)
Auf diese mehr als 20 Jahre alte Untersuchung bezieht sich auch der Begleitband zur Ausstellung gesichtslos, wo es auf S. 123 heißt:
„In einer repräsentativen Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wurde ein Zusammenhang zwischen sexuellen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit (43 Prozent) und dem späteren Einstieg in die Prostitution festgestellt (vgl. BMFSFJ 2004, 26f).“
Dass besagte Studie repräsentativ sei, ist glatt gelogen. Das haben deren Autorinnen auch gar nicht beansprucht („keinen Anspruch auf Repräsentativität“, S. 11).
Auf besagter Seite 26 steht auch nichts von einem „Zusammenhang“ zwischen Missbrauch in der Kindheit und späterer Prostitutionstätigkeit. Dagegen kann man auf S. 83 der Studie das genaue Gegenteil dessen lesen, was von den evangelischen Ausstellungsmachern und den katholischen Veranstaltern wahrheitswidrig behauptet wird: Es könne, heißt es dort,
„nicht ein systematischer Zusammenhang zwischen Gewalt in der Kindheit und Jugend und späterer Berufswahl im Sektor sexueller Dienstleistungen abgeleitet werden, ebenso wenig wie ein zwingender und kausaler Zusammenhang zwischen früheren Gewalterfahrungen und späteren Gewalterfahrungen im Erwachsenenleben.“ (S. 83)
Aufgrund der insgesamt geringen Fallbasis haben die Autorinnen Müller/Schröttle tatsächlich von einer statistischen Überprüfung kausaler Zusammenhänge abgesehen. Von ursprünglich geplanten 250 Befragten konnte sich die Studie nur auf lediglich 110 befragte Frauen stützen. Zwar hätten 47 der 110 befragten Frauen (43 %) angegeben, in der Kindheit von Erwachsenen an intimen Körperstellen berührt worden zu sein, doch nur fünf Befragte gaben an, sie seien von Erwachsenen zu Geschlechtsverkehr gezwungen worden. (S. 81)
Das 8. Gebot, wo es heißt: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ scheint offenbar im Zusammenhang dieser umstrittenen Foto-Ausstellung und ihres Framings für die katholische Akademie nicht zu gelten.
Im Hinblick auf die höhere Gewaltprävalenzen unter Prostituierten gegenüber allen Frauen ist anzumerken, dass alle Befragten der Prostituieren-Teilerhebung aus Fachberatungsstellen rekrutiert wurden, was eine gewisse Problembelastung ohnehin schon voraussetzt. So waren allein 41 % der Befragten drogenabhängig, 31 % arbeiteten in der per se risikoreicheren Straßenprostitution und 32 % der Befragten waren obendrein schon aus der Prostitution ausgestiegen.
All diese recht sonderbaren Umstände der Studie lassen die evangelischen Ausstellungsmacher und ihre katholischen Veranstalter unerwähnt, um keine Zweifel an ihrer (unwahren) Behauptung, besagte Studie sei repräsentativ, aufkommen zu lassen.
All diese Lügen und Verdrehungen – und sie ließen sich problemlos um weitere Falsch-Behauptungen ergänzen – gaben die Veranstalter auch bei der Ausstellungs-Eröffnung am 20 Februar 2026 zum Besten. Eine Diskussion gab es nicht, sie war wohl auch nicht erwünscht.
Im Anschluss an einige Vorträge hat sich das erlauchte Publikum mit einem Glas Wein in der einen und einer Brezel in der andere Hand das auf den Fotos ausgebreitete Elend der Sexarbeit zu Gemüte führen können. Begleitet war die Veranstaltung durch die Dauerbeschallung der Doña-Carmen-Kundgebung vor dem Haus.
Die Ankündigung des Leiters der Katholischen Akademie, Prof. Dr. Valentin gegenüber Doña Carmen („Wenn wir Ihre weitreichenden Vorwürfe verstehen, werden wir prüfen, ob sie zu Änderungen an unserem Programm führen.“, Mail von Valentin an Doña Carmen, 23.1.2026), blieb erwartungsgemäß Schall und Rauch.
Gleichwohl ist es gelungen, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass es Gegenpositionen gibt. So sei die Ausstellung bereits 32mal gezeigt worden. Doch: „In Frankfurt wird die Ausstellung zum ersten Mal kritisiert“, musste die FAZ feststellen („Propaganda der Kirche“, Verein stört sich an Ausstellung zu Prostitution, 20.02.2026). Auch das „Frankfurter Info“ und die „Frankfurter Rundschau“ berichteten über den Disput. Diese Auseinandersetzung wird weitergehen.
PS.
Nachfolgend dokumentieren wir
# Die Kundgebungsrede vom 20.2.2026 von Doña Carmen e.V.
# Antwort von Dr. Kathrin Zelter an die FR (die nach Absprache mit Herrn Dr.
Valentin auch die „Antwort“ an Doña Carmen sein soll, weshalb wir sie hier
abdrucken);
# Artikel der FR vom 17.2.2026;
# Artikel der FAZ vom 20.2.2026




