Große Mehrheit in Deutschland
gegen Kriminalisierung von Sexarbeit
Wissenschaftler*innen der TU Ilmenau haben eine Online-Befragung der bundesdeutschen Bevölkerung zum Thema ‚Prostitution‘ in Auftrag gegeben. Über die Ergebnisse der 2023 durchgeführten Umfrage berichteten die Forscher*innen erst jüngst in der Ausgabe 02-2024 der Zeitschrift „Neue Kriminalpolitik“.
Auf die Frage, welches Regulierungsmodell der Prostitution sie präferieren, votierten mehr als 82 % der Befragten für Modelle der „Legalisierung“ wie in Deutschland (51,9 %) und für eine „Dekriminalisierung“, wie sie gegenwärtig in Neuseeland oder Belgien praktiziert wird (30,9 %). Nur eine Minderheit von insgesamt 17,2 % präferiert abolitionistische Modelle wie die schwedische Freier-Kriminalisierung (8,3 %) bzw. ein Totalverbot von Prostitution („Prohibition“) wie in den USA (8,9 %).
Den Konzepten einer Illegalisierung bzw. Kriminalisierung von Sexarbeit erteilte die große Mehrheit der Befragten damit eine deutliche Absage.
Für die vorliegende Studie zum Meinungsbild in der bundesdeutschen Bevölkerung wurden rund 3.000 Erwachsene befragt, die nach Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus, Bildungsgrad und Bundesland der Zusammensetzung der Online-Bevölkerung Deutschlands entsprechen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2023 von den über 14-Jährigen insgesamt 67 Millionen Bundesbürger (94 %) Internetnutzer. „Gut 5 % der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren in Deutschland sind offline“, so die Wiesbadener Bundesbehörde. Das entspricht etwa 3,1 Millionen Einwohnern. Vor diesem Hintergrund sind die vorliegenden Ergebnisse der Befragung zur Einstellung gegenüber Prostitution nach Aussage der Forscher*innen zwar repräsentativ für die Online-Bevölkerung, nicht aber für die Wohnbevölkerung Deutschlands. Die Entwicklung geht allerdings dahin, dass das Einstellungs-Profil der Online-Bevölkerung zunehmend dem der Wohnbevölkerung entspricht.
Indem das Meinungsbild zu Prostitution innerhalb der Bevölkerung in den Blick genommen wird, ergibt sich nach Aussagen der Forscher*innen ein auffälliger Kontrast zu parteipolitischen Profilierungen.
So plädiert die Bundestagsfraktion der CDU/CSU für das „Nordische Modell“ der Freier-Kriminalisierung, während laut Angaben der vorliegenden Studie unter den Wähler*innen der CDU/CSU im Vergleich zu anderen Parteien mit 58 % die größte Zustimmung zum bundesdeutschen „Legalisierungsmodell“ besteht.
Kritisch sehen die Forscher*innen auch die journalistische Berichterstattung, wenn etwa das „eher randständige Modell der Freierkriminalisierung in den Nachrichtenmedien überproportional häufig und einseitig positiv dargestellt“ werde.
Die hiermit vorgelegte Studie verdeutlicht erhebliche Unterschiede zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung hinsichtlich Fragen der Prostitution und ihrer Regulierung in Deutschland.
Sie bestätigt damit die Sichtweise von Prostituierten-Organisationen wie Doña Carmen e.V., aber auch vieler anderer Organisationen und Verbände, die sich im Zusammenhang der erst kürzlich erfolgten Anhörung des Familienschusses des Deutschen Bundestages zum Antrag der CDU/CSU entschieden ablehnend gegenüber jeglicher Form der Illegalisierung bzw. Kriminalisierung von Sexarbeit positioniert haben.
Doña Carmen e.V. erwartet von den politischen Parteien hierzulande – ob in Regierungsverantwortung oder nicht –, dass sie sich über die Ergebnisse und Einsichten solcher empirischer Studien wie der vorliegenden nicht hinwegsetzen und von Versuchen einer Einführung des „Nordischen Modells“ der Freier-Kriminalisierung Abstand nehmen.
Hier zum Link der Studie:
Nicola Döring / Rohangis Mohseni, „Welches Modell der Prostitutionsregulierung präferiert die Bevölkerung in Deutschland? Ergebnisse einer bundesweiten Online-Befragung“,
https://www.researchgate.net/publication/381595746_Welches_Modell_der_Prostitutionsregulierung_praferiert_die_Bevolkerung_in_Deutschland_Ergebnisse_einer_bundesweiten_Online-Befragung)
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