„Campus für alle! Stadt für alle!“ – Zuspruch und Beifall für Doña-Carmen-Redebeitrag

Am Donnerstag, den 3. April 2014, demonstrierten rund 450 Menschen in der Frankfurter Innenstadt gegen flächendeckende Mieterhöhungen, Luxus-Neubauprojekte und soziale Ausgrenzung. „Wir wollen eine Stadt, in der niemand ausgegrenzt oder verdrängt wird, eine Stadt voller Vielfalt, Freiräume und Kultur: Einen Campus für alle! Eine Stadt für alle!“ hieß es im Flugblatt der Organisatoren.

Doña Carmen e.V., Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten, unterstützte die Demonstration. Seit Wochen schon hat Doña Carmen öffentlich und in Ausschusssitzungen der Stadt gegen den Bebauungsplan Stellung genommen, der vorab eine Ausgrenzung des Angebots sexueller Dienstleistungen aus dem neu zu bebauenden Gebiet des Campus Bockenheim vorsieht. Für Doña Carmen sprach Cara auf der Zwischenkundgebung in der Elbestraße.

Die nachfolgend dokumentierte Rede fand dort den Beifall und den Zuspruch nicht nur der an der Demo Beteiligten, sondern auch der Sexarbeiter/innen, die  zahlreich und aufmerksam aus ihren Fenstern schauten und applaudierten. Hier der Redebeitrag von Doña Carmen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,

ich spreche hier für Doña Carmen e.V., die Organisation für die sozialen und politischen Rechte von Frauen in der Prostitution.

Es ist in den letzten Monaten öffentlich und intensiv über die Nutzung des Campus Bockenheim gestritten worden. Das ist gut so. Denn es handelt sich um öffentlichen Raum. Über dessen Nutzung muss öffentlich debattiert werden. Wir haben uns in diese Debatte eingemischt. Und zwar mit einem – wie wir meinen – berechtigten Anliegen.

Unser Anliegen lautet:

Städtische Bebauungspläne wie etwa der Bebauungsplan 569 für den Campus Bockenheim dürfen nicht instrumentalisiert und missbraucht werden, um darüber hinter verschlossenen Türen dubiose Interessen einer an den Planungshebeln sitzenden gesellschaftlichen Minderheit durchzusetzen.

Im Bebauungsplan heißt es unter Punkt 1.3.1, dass Nutzungen, die der gewerblichen sexuellen Betätigung dienen auf dem gesamten Gebiet des Campus Bockenheim „nicht zulässig“ sind.

Wir sagen demgegenüber:

Unzulässig ist nicht das Anbieten sexueller Dienstleistungen in innerstädtischen Misch- und Kerngebieten. Unzulässig ist der offenkundige Versuch einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Sexarbeiterinnen und sexuellen Dienstleistungen aus diesem neu zu bebauenden Teil Bockenheims.

Es ist nicht einzusehen, warum die Ausübung eines rechtlich anerkannten Berufs in diesem Teil Frankfurts „nicht zulässig“ sein soll.

Folgt man der offiziellen Begründung des Bebauungsplans, so steht eine gewerbliche sexuelle Betätigung angeblich im Widerspruch zu dem hier geplanten „hochwertigen Wohnstandort“. Denn die „absehbare Folge“ der Ausübung sexueller Dienstleistungen – so der für den Bebauungsplan verantwortliche städtische Baudirektor von Lüpke  -bedeute eine „Beeinträchtigung des Stadt- und Straßenbildes“, bedeute „Konflikte mit der Wohnnutzung“ und letztlich – man höre! – eine „Abwertung der Geschäftslage“.

All das sind billige und abgedroschene Vorurteile, die Herr von Lüpke vielleicht vor 50 Jahren in den ersten Semestern seines Studiums auswendig lernen musste. Das aber hat mit der längst gewandelten Realität des 21. Jahrhundert nicht das Geringste zu tun.

Wenn die städtische Argumentation zutreffen würde, dann möge uns bitte mal jemand erklären, warum die Stadt Frankfurt seit Jahren mit Geld und Engagement die Ansiedlung von Wohnnutzung im Frankfurter Bahnhofsviertel betreibt und zwar auch in unmittelbarer Nähe zu den dort ansässigen Prostitutionsstätten. Von angeblichen Konflikten zwischen Wohnnutzung und dem Angebot sexueller Dienstleistungen ist dort keine Rede. Warum soll das, was im Frankfurter Bahnhofsviertel geht, in Bockenheim anders sein? Weiß das jemand?

Nun plädieren wir von Doña Carmen ja nicht dafür, an der Bockenheimer Warte ein Großbordell zu errichten. Uns geht es darum, Menschen , die sexuelle Dienstleistungen anbieten, nicht vorab aus einem zukünftigen Campus Bockenheim auszugrenzen. Wir sind nur dafür, dass endlich Schluss sein muss mit der Masche, über die Hintertür der Bebauungspläne dubiose Moralvorstellungen von Anno Toback festzuschreiben. Ist das etwa zu viel verlangt?

Wir plädieren dafür, dass Frauen und Männer, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, nicht erneut in die dunkelsten Ecken der Gewerbegebiete abgedrängt werden, wie es einigen Saubermännern im Frankfurter Römer offensichtlich vorschwebt.

Wer für eine demokratische öffentliche Debatte über die Nutzung des öffentlichen Raums und hier des Campus Bockenheims ist, der sollte weltoffen und aufgeschlossen genug sein, unserer berechtigtes Anliegen zu unterstützen, das lautet:

Keine gesellschaftliche Ausgrenzung von Sexarbeit – nicht in Bockenheim und nicht anderswo!

Vielen Dank!