14 Thesen gegen „Freiersensibilisierung“ oder: Warum wir die gegenwärtigen Freier-Kampagnen ablehnen von Doña Carmen e.V.

1. Instrumentalisierung der Fußball-WM zur Stigmatisierung von Prostitution:
Die Fußball-WM wird instrumentalisiert für ein Roll-Back im Bereich der Prostitution. Marginale Gewalt im Kontext von Prostitutionsmigration wird missbraucht, um Prostitution als Ganzes zu stigmatisieren: Permanent wird Prostitution in Zusammenhang gebracht mit Zwang, Gewalt und organisierter Kriminalität.

2. Überwachung, Kontrolle und Denunziation:
Freier werden legitimiert und aufgefordert, als Kontrolleure der in der Prostitution tätigen Frauen aufzutreten. Sie sollen beobachten, ausfragen, melden und berichten. Sie fungieren damit als indirekte Kontrolleure der Polizei, ausgestattet mit quasi-hoheitlichen Kontrollfunktionen, wozu sie schon bald per Gesetz ermächtigt werden. Eine Verdachtskultur greift um sich: Freier werden ermutigt aus ihrem Gefühl heraus und auf Verdacht zu handeln. Das ist das Gegenteil von Aufklärung.

3. Freier als Polizeispitzel und Stichwortgeber für Razzien:
Freier werden aufgefordert, mit Polizei oder Beratungsstellen, die selbst wiederum mit der Polizei kooperieren, Kontakt aufzunehmen und Informationen weiterzugeben. Sie werden eingespannt für Razzien gegen die Frauen.

4. Begünstigung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit:
Die Verbreitung des Klischees der hilf- und willenlosen ausländischen Frauen in der Prostitution soll Freiern die Rechtfertigung liefern, Migrantinnen in der Prostitution zu kontrollieren sowie ihre Sprachkompetenz zu bewerten. Mangelnde Deutschkenntnisse gelten als Indiz für „Zwangsprostitution“.

5. Gesellschaftliche Konstruktion von „Zwangsprostitution“:
Freier werden aufgefordert, nach Dingen Ausschau zu halten, die gar nicht prostitutionsspezifisch sind: Minderjährigkeit, Vergewaltigung, Ausbeutung, Überwachung etc. Alles dies im Kontext von Prostitution genannt dient der Konstruktion von „Zwangsprostitution“, die es ansonsten ebenso wenig gäbe wie eine Zwangsbedienung in der Gastronomie, Zwangsbankerei im Geld- und Kreditgewerbe, Zwangstaxichauffeure etc.

6. Konstruktion von Verantwortlichkeit der Freier für „Zwangsprostitution“:
Mit Hilfe von scheinbar unverfänglichen Tipps für den Umgang mit Prostituierten wird unter der Hand die Verantwortlichkeit der Freier für Zwangsprostitution konstruiert. Die ihnen zugeschriebene Verantwortlichkeit soll die Bringschuld als Polizeispitzel rechtfertigen. Fortan ist die Nachfrage schuld am Angebot.

7. Ausnutzung sozialer Verhaltensweisen:
Die Zuschreibung der Verantwortlichkeit für Zwangsprostitution geht einher mit der Erzeugung von Schuldgefühlen, mit dem Ausnutzen des sozialen Gewissens und der Hilfsbereitschaft von Prostitutionskunden.

8. Aufforderung zu menschenunwürdiger Grenzüberschreitung:
Freier werden animiert, den beruflichen Kontext der Prostitutionssituation zu überschreiten und das Privatleben der Frauen in Augenschein zu nehmen, wenn Checklisten für die Indikation von „Zwangsprostitution“ praktikabel sein sollen. Freier sollen Frauen auffordern, genau das zu tun, was „Zwangsprostitution“ ausmacht. Nur so machen diese Checklisten einen Sinn, nur so kommt es zur Gewissheit von „Zwangsprostitution“. Das ist das Gegenteil von respektvollem Umgang mit Prostituierten.

9. Aufforderung zum Stalking:
Die vom Freier geforderte Mitarbeit im Kampf gegen Zwangsprostitution durch Herausbildung eines Kontrollverhaltens gegenüber den Frauen ist nichts anderes als eine Aufforderung zu Stalking, zu einer „zwanghaften Belästigung anderer Menschen“.

10. Frauenfeindlich:
Männer werden animiert, als patriachale Kontrolleure abweichenden Sexualverhaltens von Frauen aufzutreten und damit Macht über sie auszuüben. Und zwar eine Macht, die den Männern in der Herkunftsgesellschaft der Frauen offenbar entglitten ist.

11. Aufforderung zur Gesundheitsschädigung:
Das Überprüfen einiger der angeblich für „Zwangsprostitution“ relevanten Indizien – wie: „nimmt kein Kondom“, „darf nicht aus dem Etablissement heraus“ – steht mit dem Anspruch auf körperliche Integrität und Gesundheit der Frauen diametral in Widerspruch.

12. Schleichende Abschaffung des Prostitutionsverhältnisses:
Freier sollen sich beim Besuch einer Prostituierten auf alles konzentrieren, nur nicht mehr auf das, was normalerweise ihr eigentliches Anliegen ist: die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse. Sie sollen die Sprachfähigkeit der Frauen testen, Wörterbücher mitbringen, weitschweifige Gespräche führen, das Ambiente einschätzen, auf Misshandlungen achten etc. So werden Freier zu Polizeispitzel einer „Volksgemeinschaft“ gegen das angeblich aus dem Ausland eingeschleppte „organisierte Verbrechen“.

13. Bekämpfung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen:
Die angekündigte und von (Neo-)Konservativen angestrebte Strafbarkeit von Freiern bei „Zwangsprostitution“ führt in Verbindung mit der medialen Behauptung eines immensen Ausmaßes derselben zu einer Senkung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen. Diese Politik richtet sich nicht so sehr gegen Gewalt im Kontext von Prostitutionsmigration, als vielmehr gegen die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen als solchen.

14. Kriminalisierung von Freiern und Einführung „schwedischer Verhältnisse“:
Freier sind – egal, wie sie handeln werden – allemal die Verlierer: Melden sie viele Fälle von „Zwangsprostitution“, wird es ein Freiergesetz geben, weil die Realität dies angeblich notwendig mache; melden sie zu wenig Fälle von „Zwangsprostitution“ wird es deshalb ein Freiergesetz geben, weil sie sich angeblich als unverantwortlich erwiesen haben. „Freiersensibilisierung“ zielt – so oder so – auf eine Kriminalisierung von Freiern: mittelfristig per Anti-Freier-Gesetz, langfristig durch Etablierung „schwedischer Verhältnisse“.

Dagegen fordert Doña Carmen:

– Rechte statt Razzien und Freier-Sensibilisierung!
– Respektierung der Trennung von Sexualität und Liebe als Form der
   sexuellen 
Selbstbestimmung!
– Green Card für ausländische Prostituierte aus Nicht-EU-Ländern!
– Weder Kontrollbefugnisse für Freier noch Freierkriminalisierung! 
   Keine „schwedischen Verhältnisse“ im Prostitutionsgewerbe!

Prostitution ist ein Menschenrecht

Nicht der Tausch „Sex gegen Geld“ kennzeichnet professionelle Prostitution, sondern die Gewährung sexueller Befriedigung auf Basis einer wechselseitig vereinbarten Trennung von Sexualität und Liebe. Mit der Trennung von Sexualität und Liebe steht Prostitutionstätigkeit quer zum tradierten, vorherrschenden und von christlichen Fundamentalisten als exklusiv propagierten Konzept der „Einheit von Sexualität und Liebe“. Dies ist der tiefere Grund für die anhaltende Diskriminierung von Prostitution.

Das in bürgerlichen Gesellschaften favorisierte Konzept der Einheit von Sexualität und Liebe unterliegt schon lange einem Erosionsprozess, wie er sich etwa im Übergang von lebenslanger Monogamie zu serieller Monogamie dokumentiert. Mehr Spielräume für sexuelle Freizügigkeit: Ein Teil der Gesellschaft reagiert darauf verunsichert mit Repression, ein anderer Teil sah darin vorschnell eine „sexuelle Revolution“. Beide Sichtweisen sind unangemessen. Fakt ist: Gerade in modernen Gesellschaften, die auf ökonomisch erzwungener sozialer und geografischer Mobilität sowie beruflicher Flexibilität beruhen, erweist sich das in der Prostitution praktizierte Modell der Trennung von Sexualität und Liebe als funktionales, entwicklungsfähiges und akzeptables Konzept sexueller Selbstbestimmung. Nicht Prostitutionstätigkeit an sich, sondern ihre ständige rechtliche Diskriminierung steht im Widerspruch zu sexueller Selbstbestimmung.

Auf der politischen Agenda der Bewegung für eine freie, kluge und selbstbewusste Gesellschaft steht daher die rechtliche Anerkennung von Prostitution, das Recht auf arbeitsvertragliche Regelung von Beschäftigungsverhältnissen in der Prostitution sowie die Gewährung von Arbeitnehmerschutz und Sozialversicherungsschutz. Prostituierte brauchen Rechte – nicht für den Ausstieg aus der Prostitution, sondern zu ihrer Ausübung unter menschenwürdigen Umständen. Prostitution ist ein Menschenrecht.

Um dieses soziale Anliegen zu konterkarieren, wird öffentlich und in den Medien oft die Ansicht vertreten, Prostitution sei untrennbar verbunden mit Gewalt, Zwang, Ausbeutung und Menschenhandel. Diese Lebenslüge der bürgerlichen Gesellschaft beruht auf unzulässiger Verallgemeinerung und Dramatisierung von Einzelfällen. Man unterschlägt, dass Gewalt gerade aus der gesellschaftlichen Marginalisierung von Prostitution, nicht aus der Prostitutionstätigkeit als solcher resultiert.

Eine Kriminalisierung von Prostitutionskunden schützt Prostituierte nicht vor Gewalt, sondern ist eine primitive Strategie der Diskriminierung von Prostitution. Niemand käme auf die absurde Idee, Taxifahrer, Kioskbesitzer oder Tankstellenpächter durch Kriminalisierung ihrer Kundschaft zu schützen.

Die Strategie der Kriminalisierung von Prostitutionskunden beruft sich auf das große Missverständnis von Feministinnen, Prostitution sei patriachalisch und frauenfeindlich. Das ist ein Irrtum. Nicht Prostitution ist patriachalisch, sondern das exklusive Recht der Männer auf Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen im Rahmen von Prostitution. Emanzipation würde bedeuten, dass beide Geschlechter ein solches Recht in Anspruch nehmen könnten. Die gegenwärtige Allianz von konservativen Feministinnen und Staatsmacht hat keine zukunftsweisende historische Perspektive. Denn sie erfolgt nicht nur auf Kosten der Prostituierten und ihrer Kunden, sondern zielt auf die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualität der Frau und ihrer Reproduktionsfähigkeit unter anderem zwecks Steigerung der Geburtenrate.

PS.: Dieser Text von Doña Carmen e.V. wurde am 13. Februar 2006 in der Stockholmer Tageszeitung ‚Aftonbladet’ veröffentlicht.