Rechtspopulistische Bewegungen in Europa, die Sarrazin-Debatte sowie die Tatsache, dass rund 50 % der Befragten in Umfragen regelmäßig die Auffassung vertreten, wir hätten zu viele ‚Ausländer‘ in Deutschland, veranlassten die Journalisten Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme, in ihrem neuesten Buch „Deutschland ohne Ausländer“ ein „Szenario“ durchzuspielen: Was wäre, wenn die rund 7 Millionen ‚Ausländer‘ hierzulande von heute auf morgen ihre Koffer packen und das Land verlassen müssten?
Rund 40 Experten/innen – Vertreter/innen verschiedener Wirtschaftsbranchen, Verbandssprecher/innen bis hin zu namhaften Wissenschaftlern, Schriftstellern und Politikern unterschiedlichster Parteizugehörigkeit – wurden um Stellungnahmen zu
den möglichen Folgen eines solchen Szenarios gebeten. Zu Wort kommen u.a. Daniel Cohn-Bendit, Gregor Gysi, Wolfgang Thierse Martin Schulz, Rita Süßmuth, Günter Wallraff, Theo Zwanziger, Matthias Wissmann u.a.
Für die Prostitutionsbranche skizzierte Juanita Henning von Doña Carmen e.V. die möglichen Folgen des fiktiven Szenarios. Wir zitieren eine kurze Passage aus dem Buch:
„Auch die Migrantinnen, die bislang in diesen Häusern gearbeitet haben, hätten einiges zu verlieren: ‚In der ersten Zeit nach einem plötzlich verhängten Betätigungsverbot würden zweifellos Angst und Unsicherheit die Frauen bestimmen‘, sagt Henning. ‚Aber sie würden sich nicht ohne Weiteres der Repression beugen und sich ihre Arbeit wegnehmen lassen‘. Manche, die nicht in die Anonymität – und jetzt auch Illegalität – der Arbeit in Stadteilwohnungen ausweichen könnten oder wollten, würden individuell auf Gegenwehr sinnen und sich möglicherweise gefälschte deutsche Ausweise zulegen. Die Expertin prophezeit: ‚Eine neue Spirale von Razzien und Kontrollen würde das gesellschaftliche Klima vergiften – in Frankfurt und anderswo.‘ Auch wenn ein Teil der Bevölkerung wie bisher aufseiten der Frauen stünde, gäbe es wohl Anlässe zur Kriminalisierung, sagt Henning. ‚Eine Handvoll Denunzianten und Sittenwächter würde sich schon finden, sodass sich Gefängnisse hierzulande mit Prostitutionsmigrantinnen füllen würden.‘ Gefängnis wegen Prostitutionstätigkeit – dies sei kein besonders großartiger zivilisatorischer Fortschritt.
Prostitutionskunden würden den Migrantinnen in die vermeintlich ruhigeren Stadtteile folgen, wenn sie nicht gleich in Nachbarländer führen, analysiert Henning unser Szenario: ‚Die Straßenstriche an der deutsch-tschechischen Grenze, im französischen Grenzraum und anderen Grenzgebieten hätten Hochkonjunktur. Der Sextourismus würde allenthalben boomen und Vertreter der Kirchen hätten erneut Gelegenheit, scheinheilig die Not der dort tätigen Frauen zu beklagen.‘ Prostitution ohne Prostitutionsmigrantinnen – das wäre eine reaktionäre Utopie, die niemandem nützen würde, auch nicht den betroffenen Frauen. Schließlich sei Prostitutionsmigration immer auch eine Art ‚Völkerverständigung von unten‘ gewesen, so Henning.“
Auszug aus: Pitt von Bebenburg, Matthias Thieme, Deutschland ohne Ausländer, Ein Szenario, Redline Verlag 2012, 250 Seiten, 19,90 €

