Doña-Carmen-Statement

Doña-Carmen-Statement
zur Ausstellung SEX WORK in der Bundeskunsthalle Bonn

Doña Carmen e.V., Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten, begrüßt die Ausstellung SEX WORK in der Bonner Bundeskunsthalle. Den Kurator*innen gebührt Anerkennung dafür, dass sie sich in Zusammenarbeit mit Sexarbeiter*innen eines gesellschaftspolitisch brisanten Themas angenommen haben.

● Nach wie vor werden Sexarbeiter*innen als einzige Berufsgruppe hierzulande durch ein diskriminierendes prostitutionsspezifisches Sonderstrafrecht reglementiert, wird ihnen durch zahlreiche Sonderregelungen die längst überfällige rechtliche Gleichbehandlung mit  anderen Erwerbstätigkeiten verwehrt. Und das, obwohl sie einem nach Art.12 GG rechtlich anerkannten Beruf nachgehen.

● Nach wie vor werden Sexarbeiter*innen hierzulande durch stets aufs Neue aufgewärmte Debatten über eine mögliche Freier-Kriminalisierung nach dem „Schwedischen Modell“ in einen permanenten mentalen Ausnahmezustand versetzt und eingeschüchtert.

Das sind schäbige Zustände und unwürdige Spektakel, die mit dem Ideal einer demokratisch verfassten, aufgeklärten Gesellschaft nicht vereinbar sind.  

Kaum dass eine Kunst-Ausstellung zum Thema SEX WORK öffentlich angekündigt wird, sind rechtskonservative, fundamental-christliche Prostitutionsgegner*innen zur Stelle und glauben – noch vor Ausstellungs-Eröffnung – den Kurator*innen ein „verzerrtes Bild von Prostitution“, deren „Romantisierung“ und natürlich die „Verharmlosung“ von Zwang, Gewalt und Menschenhandel in der Prostitution vorhalten und anlasten zu können.

Hätten die Prostitutionsgegner*innen den Abschlussbericht zur Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes auch nur einmal bis zu Ende durchgelesen, so wüssten sie, dass in den sieben Jahren von 2017 bis 2023 gerade einmal 7 (in Worten: sieben!) behördlich vermutete Opfer von „Ausbeutung“ bzw. „Menschenhandel“ auf 10.000 Anmeldevorgänge bei Sexarbeit erfasst wurden.

Wer sich wie die Prostitutionsgegner*innen so sicher wähnt und die Realität der Prostitution besser zu kennen glaubt als die dort Tätigen, hätte sich wenigstens mit empirischen Befunden zu den Größenordnungen dieser Realität befassen sollen, bevor man in belehrendem Gestus und durch obligatorisches Zur-Schau-Stellen stereotyper Narrative nur die eigene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unter Beweis stellt.

Doña Carmen e.V. wünscht den Kuratoren*innen ein gutes Gelingen und hofft, dass die Ausstellung SEX WORK zum offenen Nachdenken anregt und damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Anerkennung von Sexarbeit in der Prostitution leisten kann.

Prostitutionsgegner*innen:
Stereotype Narrative, fehlende Argumente, große Klappe 

Sobald Prostitutionsgegner*innen das Wort „Sexarbeit“ hören, haben sie sofort Schaum vorm Mund und Schnappatmung. Schwarzers EMMA bezeichnet die Bonner SEX WORK-Ausstellung als „Propagandashow für die Sexindustrie“ und sieht sofort eine „als Ausstellung getarnte Propagandaveranstaltung der Prostitutionslobby“ am Werk.

Prostitutionsgegner*innen behaupten, dass die Realität der meisten Sexarbeiter*innen in der Ausstellung ausgeblendet werde. Gemeint ist eine „Realität“, wie sie sie gerne hätten: Als „Sklavenmarkt“, wo Zwang, Gewalt, Menschenhandel und Ausbeutung den Alltag prägen! Was ihnen gegen den Strich geht, gehört verboten oder sobald wie möglich aus der Welt geschafft.

Dass die Bonner Ausstellung bis zum 25.10.2026 dauert, will EMMA so keinesfalls gelten lassen: „Das ließe sich doch sicher abkürzen“. (EMMA, 01.04.26) Das Motto lautet: „Kunstfreiheit nur für Prostitutionsgegner*innen“. Das ist die Demokratie, die sie meinen!  

Eine Befassung mit Befunden aus Wissenschaft, Kriminologie und Statistik ist ihre Sache nicht. Hier einige Fakten, die Prostitutionsgegner*innen gerne ausblenden: 

THEMA Freiwilligkeit

► Lediglich 6,3 % aller Sexarbeiter*innen sehen sich zur Aufnahme der
Prostitution gezwungen.
► Ein 3,7- %-Anteil sieht sich zur Fortsetzung der Prostitution gezwungen.
85,3 % der Sexarbeiter*innen gelten als „resiliente Gruppen gegenüber
potenziellen Risiken in der Prostitutionstätigkeit, 14,7 % als
„vulnerabel“. 

 THEMA Gesundheit

► Lediglich 3,4 % der Sexarbeiter*innen sehen sich in (sehr) schlechter
körperlicher Verfassung
6,8 % haben in den letzten 12 Monaten eine Körperverletzung erfahren.
► „Ein sehr geringes Gesundheitsbewusstsein, eine schlechte körperliche
Verfassung und/oder ein hoher Substanzmittelkonsum war jeweils nur bei
einem geringen Teil der Befragten zu erkennen.“
► Die Evaluation des ProstSchG spricht in Bezug auf die Gesundheit der
Sexarbeiter*innen von einem „grundsätzlich positivem Bild“.

THEMA Kriminalitätsbelastung

► Bei 74.246 Anmeldevorgängen im Bereich Sexarbeit ergab sich in der Zeit
von 2017 bis 2023 lag  lediglich in 0,07 % der Fälle eine Vermutung auf
„Menschenhandel“ bzw. Ausbeutung vor.
84,2 % Rückgang der mutmaßlichen Opfer von Rotlicht-Kriminalität (2000:
4.416 / 2024: 698 Opfer)
86,3 % Rückgang der Verurteilungen bei Rotlicht-Kriminalität (1998: 466;
2024: 64 Opfer)
► Menschenhandel in Deutschland seit 30 Jahren rückläufig (– 65 %)
(1996: 1.473 / 2024: 517 Opfer)
► Gab es im Jahr 2000 noch 1.304 mutmaßliche Opfer von Zuhälterei
hierzulande, so waren es 2023 nur noch 138 Opfer (– 89,4 %). 2023 gab es
insgesamt 11 Verurteilungen zu Zuhälterei.
► Waren es im Jahr 2000 noch 86 von 854 OK-Verfahren (10,1 %) im Rotlicht,
so waren es im Jahr  2024 nur noch 20 von 647 OK-Ermittlungs-Verfahren
(3,1 %). Seit Beginn des Jahrtausends liegt bei OK-Verfahren im
Prostitutionsgewerbe ein Rückgang um 77 % vor.

(Quellen: T. Bartsch et.al., Abschlussbericht Evaluation ProstSchG, 2025; Polizeiliche Kriminalstatistik(PKS) 2024; Statistisches Bundesamt, Verurteilten-Statistik 2024; BKA, Bundeslagebild OK, 2024)

Nur zur Erinnerung: Wissenschaftler*innen der TU Ilmenau unter Prof. Nicola Döring haben 2023 eine Online-Befragung der bundesdeutschen Bevölkerung zum Thema ‚Prostitution‘ in Auftrag gegeben. Auf die Frage, welches Regulierungsmodell der Prostitution sie bevorzugen, votierten mehr als 82 % der Befragten für Modelle der „Legalisierung“ wie in Deutschland (51,9 %) und für eine „Dekriminalisierung“, wie sie gegenwärtig in Neuseeland oder Belgien praktiziert wird (30,9 %). Nur 17,2 % wollten abolitionistische Modelle wie das „Nordische Modell“. („Neue Kriminalpolitik“, 2/2024)

Doña Carmen e.V. fordert eine sachliche Auseinandersetzung um Sexarbeit
jenseits von Klischees, Vorurteilen und Hetze gegenüber Andersdenkenden!