Die Zeitung FAZ geht von „großem Graubereich“ und „hoher Dunkelziffer“
im Prostitutionsgewerbe aus
Zusammenfassende Darstellung in einfacher Sprache
Vor kurzem veröffentlichte die FAZ den Artikel „Im Rotlichtmilieu gibt es einen großen Graubereich“ von Jakob Arnold. Darin stellt der Autor Überlegungen an zur Zahl der im Prostitutionsgewerbe tätigen Sexarbeiter*innen. Doña Carmen e.V. kritisiert den Artikel.
FAZ-Autor Arnold bezieht sich auf eine 2022 erschienene Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung.[1] Diese ist seiner Meinung nach zu dem Ergebnis gekommen: In Deutschland nimmt einer von vier Männern (25 %) im Alter von 18 bis 75 Jahren die Dienste einer Sexarbeiterin in Anspruch.
Da es in der Altersgruppe der 18 bis 75-Jährigen in Deutschland 32 Millionen Männer gibt, hat man also rund 8 Millionen Prostitutionskunden in Deutschland, so der FAZ-Autor. Demgegenüber aber gibt es offizielle nur 30.000 Sexarbeiter*innen.
Für den FAZ-Autor ist das Verhältnis von 8 Millionen Kunden und 30.000 Sexarbeitern eine „kaum vorstellbare“ Größenordnung. Er sagt, das kann eigentlich gar nicht stimmen:
„Doch wer die Freier den gemeldeten Prostituierten gegenüberstellt, bemerkt schnell eine Ungereimtheit. In Deutschland leben mehr als 32 Millionen volljährige Männer. Wenn jeder vierte Mann in seinem Leben bereits für Sex Geld bezahlt hat, leben statistisch betrachtet also etwa acht Millionen Freier in Deutschland. Es ist kaum vorstellbar, dass sie alle zu nur 30.000 Prostituierten gegangen sind.“
Der FAZ-Journalist glaubt, dass es stattdessen 300.000 Sexarbeiter*innen in Deutschland gibt. Viele von ihnen arbeiten im Verborgenen, deshalb gibt es dort auch viel Kriminalität.
„Im Rotlichtmilieu dürfte es also einen großen Graubereich geben. Fachleute schätzen, dass die tatsächliche Zahl der Prostituierten in Deutschland bei 300.000 liegt. Wo viel im Verborgenen stattfindet, bleibt auch viel Raum für Kriminalität. Das Bundeskriminalamt hat 2023 mehr als 400 Opfer von Zwangsprostitution, Zuhälterei, Menschenhandel und weiteren Formen der sexuellen Ausbeutung ermittelt. Auch hier gehen viele von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.“
Doña Carmen widerspricht diesen Behauptungen und Vermutungen mit folgenden Argumenten:
1. Die Zahl 30.000 Sexarbeiter ist lediglich eine Stichtagszahl für den 31.12. 2023. In Wirklichkeit gibt es im Laufe des Jahres mehr Sexarbeiterinnen in Deutschland, weil z.B. die Abmeldungen in der Statistik nicht berücksichtigt werden. FAZ-Autor Arnold stützt sich damit auf eine Statistik, die das Anmeldegeschehen nicht korrekt abbildet.
2. Es gibt nicht 32 Millionen, sondern tatsächlich nur rund 30 Millionen Männer im Alter von 18 bis 75 Jahren. Die Zahl der jährlichen Prostitutionskunden beträgt gleichwohl 8,1 Millionen.
3. Da 27 % der 8,1 Millionen Prostitutionskunden sexuelle Dienstleistungen gar nicht in Deutschland, sondern im Ausland nachfragen, hat man tatsächlich nur 5,9 Millionen Prostitutionskunden in Deutschland.
4. Da sich diese Zahl auf die gesamte Lebenszeit bezieht, nicht aber auf ein Jahr, kann man sie auch nicht den 30.000 Sexarbeitern gegenüberstellen, die eine Zahl für ein Jahr sein soll.
5. Die wichtige Information, dass nur 4 % der in der Studie befragten Männer innerhalb eines Jahres zu einer Sexarbeiterin gehen, hat der FAZ-Autor verschwiegen. Damit aber hat man nur noch 1,2 Millionen Kunden von Sexarbeiter*innen. Von ihnen fragen nur 73 % oder 873.000 Prostitutionskunden sexuelle Dienstleistungen in Deutschland nach.
All diese Überlegungen hat der FAZ-Journalist nicht einbezogen. Stattdessen dramatisiert er die Situation in der Prostitution. Er nimmt an, dass sich jederzeit 300.000 Sexarbeiter*innen und 8 Millionen Prostitutionskunden gegenüberstehen.
● Doña Carmen kritisiert die Annahme von 300.000 Sexarbeiterinnen als völlig unrealistisch. Das wären 3,6 Sexarbeiter*innen auf 1.000 Einwohner. So viele Sexarbeiter*innen gibt es noch nicht einmal in den deutschen Großstädten.
● Auch die Behauptung, die meisten Sexarbeiter arbeiten im Verborgenen und sind hoher Kriminalität ausgesetzt, ist nicht bewiesen. Das ist alles Spekulation, so Doña Carmen.
Nach Berechnungen von Dona Carmen stehen in Deutschland 873.000 Kunden ca. 90.000 Sexarbeiter*innen gegenüber. Von ihnen arbeiten nicht immer alle. Realistisch sind 30.000 bis 45.000. aktive Sexarbeiter*innen an jedem Tag. Da man nicht weiß, wie häufig die 873.000 Prostitutionskunden zu Prostituierten gehen, muss man mit Modellannahmen rechnen. Nur so hat man eine Vorstellung davon, wie viele sexuelle Dienstleistungen pro Tag auf eine Sexarbeiterin kommen. Je nachdem, wie häufig die Kunden Sexarbeiter*innen aufsuchen, haben diese im Durchschnitt pro Tag ein bis drei Kunden, die eine mehr, die andere weniger.
Das Fazit für Doña Carmen lautet:
● Man kann nicht von einem „riesigen Markt“ im Prostitutionsgewerbe in Deutschland sprechen. Alles deutet darauf hin, dass sich Angebot und Nachfrage sexueller Dienstleistungen eher auf einem niedrigen Niveau bewegen.
● Es ist völlig falsch, von maßlos übertriebenen Schätzungen wie 300.000 Prostituierten und 8 Mio. Prostitutionskunden in Deutschland auszugehen.
Damit erweckt man nur den Eindruck: Bestehende rechtliche Regelungen sind zu lasch und das „Milieu“ würde den Behörden nur auf der Nase herumtanzen, was so nicht stimmt. Mit solchen falschen Darstellungen will man nur eine stärkere polizeiliche Überwachung des Prostitutionsgewerbes rechtfertigen und die rechtlichen Regulierungen verschärfen.
Dagegen wendet sich Doña Carmen e.V.
Fußnote:
[1] Döring, N., Walter,R., Mercer, CH., Wiessner, C., Matthiesen, S., Briken, P., Men Who Pay For Sex: Prevalence and Sexual Health, Deutsches Ärzteblatt, 2022, vgl. https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article/224168
Hier zur ausführlichen Version: Zahl Sexarbeiter

