„Frankfurt liest ein Buch“:

Erich Kubys „Rosemarie – des deutschen Wunders liebstes Kind“
und dessen problematische Sicht auf Prostitution


Vorbemerkung

Die Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest ein Buch“ befasste sich 2020 mit dem 1958 erschienen Buch von Erich Kuby „Rosemarie – des deutschen Wunders liebstes Kind“. Am Donnerstag, den 29. 10. 2020, fand im Frankfurter Club Voltaire in diesem Kontext die Veranstaltung „Rosemarie – Der Blick hinter die politischen Kulissen“ statt. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm von Helga Dierichs „Rosemarie Nitribitt – Tod einer Hure“. Die Filmemacherin beteiligte sich Corona bedingt online zugeschaltet an den Diskussionen im Club. Die Schauspielerin Barbara Englert las und spielte Szenen aus Erich Kubys Roman „Das Mädchen Rosemarie“. Und Juanita Henning von Doña Carmen e.V. sprach zum Thema „Prostitution und Sexualität in Erich Kubys Rosemarie“. „Damit wird auch die Perspektive der Sex-Arbeiterinnen und ihrer Organisation einbezogen, die bisher in der Veranstaltungsreihe keine Erwähnung fand“, hieß es in der Programmankündigung des Club Voltaire. Wir dokumentieren im Folgenden den Redebeitrag von Juanita Henning.

Redebeitrag
„Prostitution und Sexualität in Erich Kubys Rosemarie“

Erich Kuby hat mit seinem vor 62 Jahren erschienen Buch „Rosemarie – Des deutschen Wunders liebstes Kind“ politisch Position bezogen gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Adenauer-Ära, insbesondere gegen Pläne einer atomaren Wiederbewaffnung der damaligen Bundesrepublik. Das getan zu haben, muss man dem Autor und Journalisten Kuby hoch anrechnen.

1. ABWERTUNG VON PROSTITUTION

Aber: Das rechtfertigt nicht im Geringsten die Abwertung von Frauen in der Prostitution, die Abwertung von Prostitutionskunden und die Abwertung des prostitutiven Verhältnisses als Ganzes, die Kuby in seinem Buch „Rosemarie“ durchgängig vornimmt.

Linken oder linksliberalen Kritikern der Gesellschaft lässt man ihre Kritik an der Prostitution gerne durchgehen. Denn als Teil von Gesellschaftskritik erscheint sie in höherem Maße glaubwürdig, als wenn sie aus dem rechten Spektrum mit moralischem Gestus vorgetragen würde. Aber eine auf Vorurteilen und Klischees beruhende Abwertung von Prostitution ist – egal welcher politischen Couleur – weder legitim, noch kann sie legitimer Teil eines kritischen Blicks auf Gesellschaft gelten.

Kubys Blick auf Prostituierte, auf die „zahlreichen Rosemaries“, wie er sie nannte, ist ein Sammelsurium von Vorurteilen und Klischees. Es sind Vorurteile und Klischees, die nicht nur einer Abwertung, sondern im Ergebnis einer Verachtung von Prostitution den Weg ebnen – auch wenn sie verpackt in die Hülle eines kumpelhaften, ja geradezu familiär anmutenden Umgangs mit dem „Mädchen Rosemarie“ daherkommt.

Rosemarie steht als Teil für das Ganze. Sie ist die Verkörperung aller Prostituierten. Kubys Rosemarie ist primitiv und unbedarft, mit einem völlig beschränkten Kreis von Interessen und „nicht fähig und willens irgendetwas zu lernen“ (S. 175). Kubys Rosemarie ist prinzipiell unwissend und naiv. Sie zeichnet sich aus durch einen ausgeprägten Mangel an Verstand und Phantasie. Sie entstammt laut Kuby(aus) der Menge der untauglichen und asozialen Elemente, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden“. (S. 175)

Diese heutzutage verstörend anmutende Terminologie vom „Bodensatz“ und den „asozialen Elementen“ hat eine traurige und mörderische Vergangenheit – ein Fundus, auf den Kuby gänzlich unbefangen und völlig unkritisch zurückgreift. Die Terminologie verweist auf die sozialdarwinistische Grundnahmen vom „survival of the fittest“, aber auch auf die in der Weimarer Republik in den Debatten um ein „Bewahrungsgesetz“ erfolgte Zuordnung von Prostituierten zu „asozialen Elementen“ der Gesellschaft. Ihren folgerichtigen Höhepunkt erfuhr diese Denkweise unter dem Nationalsozialismus, der mithilfe verschiedener Erlasse brutal gegen sogenannte „Asoziale“, d. h. gegen Menschen mit sozial abweichendem Verhalten, vorging.

Rosemarie und mit ihr alle anderen Rosemaries galten Kuby als ebenso primitiv und unterentwickelt, wie man sich seinerzeit die Ureinwohner einer außereuropäischen Kolonie vorzustellen pflegte. Ich zitiere Kuby:

„Das Mädchen (gemeint ist Nitribitt, J.H.) starrte ihn verwundert an. Dieser Blick war wie der einer Negerin, die zum ersten Mal über der Lichtung ihres Krals ein Flugzeug auftauchen sieht.“ (S. 24)

Das ist nicht etwa nur der Blick der von Kuby porträtierten Kunden auf die Nitribitt, sondern auch der Blick Kubys auf Sexarbeiterinnen wie Rosemarie Nitribitt. Denn Frauenkörper, ganz speziell die von Prostituierten, gelten in der bürgerlichen Gesellschaft als Kolonie des weißen Mannes. Die derart kolonisierten Prostituierten erscheinen folgerichtig als „Negerin“. Wie die Völker außereuropäischer Länder den Kolonisten als geschichtslose Völker erschienen, so erscheinen auch die Frauen in der Prostitution dem Autor Kuby als unterentwickelt, weil geschichtslos. So stellt er fest: „Die Prostitution hat eine Geschichte, die Prostituierten haben keine.“ (S. 262)

Bezüglich Nitribitt sprach Kuby von „zweiundzwanzig Jahren anonymen Vegetierens“ (S. 150), erst danach, in den letzten zwei Jahren ihres Lebens, habe „gewissermaßen ihre geschichtliche Existenz“ begonnen. Diese hätte sich maßgeblich der „Entwicklungshilfe“ ihrer vermögenden bürgerlichen Kunden verdankt, weshalb Kuby glaubte, Rosemarie Nitiribitt als „ein Geschöpf der Elite“ (S. 160) bezeichnen zu können. Alles, was sie war, war sie somit also einzig und allein dank anderer geworden.

Wenn Kuby Rosemaries Kunden Hartog (gemeint war damit der Krupp-Erbe Harald von Bohlen und Halbach) sagen lässt: „Du kannst gar nichts. Aber du wirst es lernen, du hast Talent“ (S. 50), so artikulierte dieser Hartog nur, was Autor Kuby als eigene Grundannahmen der Rosemarie-Story zugrunde legte. Dabei war das „Talent“, dass Kuby seiner Romanfigur Rosemarie via Hartog zuschrieb, mangels Verstand von rein instinktiver Natur. Etwa so wie bei Tieren. So verglich Kuby die frühere Straßenprostituierte Nitribitt mit einer „streunenden Katze“ (S. 152), sprach von ihrer „ameisenhaften Monomanie“ (S. 165) und stellte fest: „Sie besaß weniger Leidenschaft als ein Huhn.“ (S. 88).

Zahlreich sind die Zitatstellen, in denen Kuby seiner literarischen Figur Rosemarie mangels Verstand immerhin einen Instinkt zusprach. Mal bezeichnete er ihn als „kapitalistischen Urinstinkt“ (S. 116), mal bezeichnete er ihn als „Hureninstinkt“ (S. 213). Mangels geistiger Befähigung der „zahllosen Rosemaries“ wirkt dieser Instinkt gänzlich unbewusst. So behauptet Kuby allen Ernstes, der wirtschaftliche Erfolg der Nitribitt habe sich gleichsam unbewusst eingestellt. Ihr Einfühlungsvermögen in die Psyche ihrer Kunden sei „beinahe genial, jedoch allein dem Instinkt entspringend und ihr nicht bewusst“. (S. 122).

Kubys Rosemarie ist eine schlechte Karikatur, ja geradezu eine Verfälschung der realen Nitribitt. Obwohl aus den ärmsten Verhältnisse kommend, mit jahrelangem Zwangsaufenthalten in Kinderheimen, Besserungsanstalten und Arbeitsanstalten wie in Brauweiler, sprach Nitribitt Englisch und Französisch, ließ sich privat von einem Hauslehrer unterrichten, belegte Benimmkurse, absolvierte in Frankfurt eine Weiterbildung zum Mannequin und hatte bereits mit 21 Jahren einen Führerschein, zu einer Zeit wohlgemerkt, als überhaupt nur 30 % der in Deutschland lebenden Menschen einen Führerschein hatten.

Vor diesem Hintergrund zu behaupten, Nitribitts wirtschaftlicher Erfolg habe sich gleichsam „unbewusst“, durch bloß instinktives Verhalten eingestellt, ist nur eines der vielen in Kubys Buch kolportierten Klischees und Stereotype, die mit den tatsächlichen Gegebenheiten so ziemlich nichts gemein haben und sich als vorurteilsbelastete ideologische Konstruktion erweisen.

Diese Konstruktion mündete in die nicht gerade schmeichelhafte Charakteristik, Prostituierte wie Nitribitt seien von Gier getriebene, aus Habgier handelnde Menschen. „Ihr kommerzieller Sinn“, schrieb Kuby, „war außerordentlich, ihre Habgier einzigartig“ (S. 122). Kuby sprach von Rosemaries „beispielloser Habgier, die fast ihr ganzes Leben lang eine potenzielle Eigenschaft hatte bleiben müssen.“ (S. 152)

Ich erspare mir weitere Ausführungen zur Abwertung von Prostitutionskunden, die man sich vor diesem Hintergrund leicht vorstellen kann, und auch zur Abwertung von Prostitution als Ganzes. Ich belasse es hier nur bei einigen wenigen Stichworten:

Wird Rosemarie bei Kuby als gefühllose, stets „eiskalte“ oder „eisern-eisige“ (S. 162) Person porträtiert, so versteht es sich von selbst, dass sie bestenfalls in der Lage war, eine „seltsame Art kalter Intimität“ zuzulassen, während „anspruchsvolle Intimität“ selbstredend nur jenseits von Prostitution zu finden sei. Die prostitutive Begegnung erscheint demgegenüber als minderwertig, als rein „sachliche“ und „unpersönliche“ Beziehung ohne Seele und Leidenschaft, kurzum als „entfremdete Lust“ (S. 37). Die Gefühle seien „abgezogen von der Seele“ (S. 31): „Von faire l’amour war nur das faire übriggeblieben.“ (S. 31) Alles beschränkt sich bei Prostitution auf die seelenlose Mechanik der körperlichen Begegnung. Ekstase könne da nicht wirklich aufkommen, mutmaßt Kuby. Und um sich dessen zu versichern, behauptet er obendrein, dass Nitribitt eine ganz und gar schlechte Liebhaberin (S. 88) gewesen sei, deren erotische Performance nur mittelmäßig bis dürftig gewesen sei.

Passagenweise tritt Kuby im Buch als Kommentator seiner eigenen Erzählung auf und führt aus, die „Sexualisierung der Massen“, insbesondere durch prostitutive Promiskuität, sei nur ein „schäbiger Ersatz von Erlebnissen, die nur im individuellen Bereich wirklich werden können.“ (S. 174)

2. INSTRUMENTALISIERUNG DER PROSTITUTION

Man mag Kuby zugutehalten, dass seine Thematisierung von Prostitution sie ein Stück weit aus der Tabuzone einer bigotten Gesellschaft herausholte.

Gleichzeitig aber muss man festhalten, dass er dieses Projekt selbst entwertet, indem er ein aus Vorurteilen und Klischees zusammengezimmertes Zerrbild von Prostitution präsentiert. Ein Bild, das geprägt ist von der gleichen Spießigkeit und den gleichen Vorurteilen, wie sie gang und gäbe waren in der Adenauer-Ära, deren Verlogenheit und Heuchelei er zu kritisierten vorgab.

Kuby hat – wie es dem Nachwort seines Buches zu entnehmen ist – die Darstellung von Prostitution für andere Zwecke instrumentalisiert. Er räumt dort ein, dass „Rosemarie und ihr Beruf nur das dramaturgische Vehikel“ (S. 297) gewesen seien, um seine Gesellschaftskritik an der Adenauer-Ära zu unterfüttern. Es konnte daher nicht verwundern, dass Prostitution in seinem Buch wie jeher erschien: als gefühllose, eiskalte Veranstaltung, mit schlechtem Sex, mit der Ausnutzung von Männern bis hin zur Erpressung – ein Milieu also, in dem jeder jeden betrügt und es am Ende naturgemäß nur Verlierer geben kann.

Kuby hat den Fall Nitribitt instrumentalisiert nach dem Motto: Die Eliten des Wirtschaftswunder-Deutschlands predigen Wasser, in Wirklichkeit aber trinken sie Wein. Sie geben sich als moralische Saubermänner, in Wirklichkeit aber besuchen sie heimlich die Huren. Daraus wollte Kuby Honig saugen.

Doch Kuby hat den Eliten nicht nur ihre Verlogenheit und Heuchelei mit Blick auf die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen vorgehalten – das wäre ja in Ordnung gewesen –, sondern er war darüber hinaus gegen die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen an und für sich. Und das ist und bleibt ein erzkonservatives Programm, auch wenn es verpackt als linksliberale Gesellschaftskritik daherkommt.

Für Kuby war Rosemarie Nitribitt die „Verkörperung eines gesellschaftlichen Zustandes“ (S. 301), den er ablehnte, weil hier „jedes Mittel recht und erlaubt (ist), schnell zu möglichst viel Geld zu kommen“. Das traf natürlich auch auf Nitribitt zu, die es mit ihrer „Gewinnsucht“, wie Kuby schrieb, noch leichter gehabt hätte als andere. Denn „sie brauchte ihr erhebliches Einkommen nicht zu versteuern“. (S. 297)

Kuby brauchte das Negativbild der Prostitution, und zwar aus einem einzigen Grund: Deren Inanspruchnahme durch die Eliten der Wirtschaftswunder-Gesellschaft sollte auf sie zurückfallen und negativ auf sie abfärben. Es ging ihm um „eine Erschütterung des Ansehens, welches die Rosemarie-Kunden als Leitbilder unserer Gesellschaft skandalöserweise genießen.“ (S. 10) Die Inanspruchnahme von Prostitution sollte die Reputation der Eliten beschädigen. Mit einem positiven, von Akzeptanz gekennzeichneten Bild der Prostitution wäre ein solches Kunden-Bashing nicht machbar gewesen.

Ich denke, es ist allenthalben ein lausiger Umgang mit Prostitution, wenn sie in dieser Weise instrumentalisiert wird und nur dazu gut ist, ein Mittel in der Hand zu haben, um die jeweiligen politischen Gegner wegen der Inanspruchnahme der Dienste von Sexarbeiter/innen öffentlich an den Pranger zu stellen und ans Messer zu liefern.

Ein derart denunziatorischer Umgang mit Prostitution ist schäbig – ganz gleich, ob von links oder von rechts praktiziert. Denn er bedient sich eines tradierten, von Herrschaftsinteressen geprägten Negativ-Bildes der Prostitution, das er damit zugleich zementiert.

Die ganze Abneigung gegen Prostitution kommt bei Kuby schlagend zum Ausdruck in der apodiktischen Feststellung, sie sei „Holz vom Holze derer, die oben schwimmen und neidvoll bewundert werden.“ (S. 175)

Dazu kann man nur sagen: Nein und noch einmal Nein! Eine solche Aussage leugnet sämtliche realen Machtverhältnisse, die das Leben Nitribitts prägten! Kuby, der 1958 den Eindruck erweckt, er beanspruche „ein Bild der Ermordeten zu rekonstruieren“ (S. 7), wird mit seinem Roman weder diesem Anspruch noch einer Rosemarie Nitribitt gerecht.

Vielmehr verdreht er die Tatsachen auf Kosten der ermordeten Nitribitt, was beschämenderweise unter dem Vorwand erfolgt, ihr ein literarisches Denkmal zu setzen.

4. BESCHÖNIGUNG DES REPRESSIVEN UMGANGS MIT PROSTITUTION

Natürlich stimmt es: Nitribitt war Teil des Systems, in dem sie agierte. Aber genauso war auch Kuby ein Teil dieses Systems. Doch anders als ein Herr Kuby wurde Nitribitt zeit ihres Lebens aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen, von ihr stigmatisiert und gebrandmarkt und fand in diesem Kontext ihren Tod.

Diese Zusammenhänge hat Kuby in seinem Buch systematisch ausgeblendet, weil sie sich für seine politischen Absichten nicht eigneten und sie sich offenbar auch medial nicht zu Geld machen ließen.

Kuby hat damit – wider besseren Wissens – und entgegen der Fakten ein geschöntes Bild vom damaligen gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution gezeichnet. So spricht er allen Ernstes von einer „sozial verwöhnten Rosemarie“ und behauptet: „Sie wurde gehätschelt und getätschelt, von der Geschäftswelt nicht weniger als von den Organen der öffentlichen Ordnung“. (S. 271)

Was für eine haarsträubende Verdrehung der Tatsachen!

Es sei daran erinnert: Nitribitt hatte mit den „Organen der öffentlichen Ordnung“ schon als junges Mädchen reichlich Bekanntschaft gemacht. Mehrfach wurde die in einer Pflegefamilie groß gewordene Nitribitt nach 1947 von der Po­li­zei auf­ge­grif­fen und verbrachte einige Jahre in Hei­men und so genannten „Bes­se­rungs­an­stal­ten“. Oft flüchtete sie und tauchte einige Wochen in Frankfurt unter. 1951 wur­de sie dort we­gen „Land­strei­che­rei“ zu drei Wo­chen Haft ver­ur­teilt, die sie in der Ju­gend­straf­an­stalt Pre­unges­heim ver­bü­ßen musste. Da­nach tauch­te sie er­neut in Frank­furt un­ter. Als sie im April 1952 wieder von der Po­li­zei auf­ge­grif­fen wur­de, kam sie in die Ar­beits­an­stalt Brau­wei­ler, wo sie Tü­ten kle­ben und am Web­stuhl ar­bei­ten muss­te. Der Arbeitstag dauerte dort seinerzeit neun Stunden und fünfzehn Minuten.

Seit 1953 lebte sie regulär in Frankfurt. Um nicht bei ständigen Razzien im Bahnhofsviertel aufgegriffen zu werden, zog sie es vor, in Wohnungen der Prostitution nachzugehen, was ihr schließlich zum Verhängnis wurde.

All das kommt in Kubys Buch mit keiner einzigen Silbe zur Sprache. So hatte die Nitribitt im realen Leben Hausverbot im „Frankfurter Hof“, während sie in Kubys Buch dort an der Bar sitzt und ungezwungen mit reichen Kunden plaudert.

Die Abweichungen der literarischen Figur Rosemarie vom Original der echten Nitribitt fallen aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres unter die Rubrik „schriftstellerische Freiheit“. Vor allem dann nicht, wenn Kuby im Vorwort von 1958 den Eindruck erweckt, es ginge ihm darum, „ein Bild der Ermordeten zu rekonstruieren“. (S. 7) Das Verfahren Kubys erinnert heute eher an die Methodik eines Claas Relotius, jenes Journalisten, der beim SPIEGEL größtes Ansehen genoss, obwohl er viele Artikel mit erfundenem Inhalt produzierte.

Kuby sprach in Bezug auf sein Buch von einer „Fallstudie“ und erklärte: „Diese Fallstudie blockiert das Wahrnehmungsvermögen nicht, im Gegenteil, sie schärft es.“ (S. 299) Dem würde ich in Bezug auf das Bild von Prostitution ganz entschieden widersprechen.Statt einer realistischen „Fallstudie“ und einer „Rekonstruktion“ des Bildes der ermordeten Nitribitt lieferte Kuby eine politisch aufgebrezelte Sex & Crime-Story, in der auch noch der Geheimdienst seine Finger im Spiel hat.

Eine typische Überinterpretation, die man bei ähnlichen Fällen immer wieder erlebt. Ich erinnere nur an die brutale Ermordung von vier Sexarbeiterinnen und zweier Betreiber des Bordells im Kettenhofweg im August 1994. Ein Verbrechen, dass wochenlang in den Medien der so genannten „Russenmafia“ zugeschrieben wurde, bis es sich am Ende als schnöder Raubmord erwies.

Angeblich war Nitribitt „des deutschen Wunders liebstes Kind“, wie Kuby im Untertitel seines Buches schreibt. Auch das ist eine Täuschung. Denn selbst die Besuche einiger gut betuchter Männer rechtfertigen den Untertitel des Buches nicht. In Wirklichkeit war Nitribitt eine von Kindheit an stigmatisierte, sozial diskriminierte Frau, die tagaus tagein die strukturelle Gewalt erfuhr, mit der die bürgerliche Gesellschaft jenen begegnet, die von den herrschenden sozialen Normen abweichen. Nitribitt hat dieser strukturellen Gewalt getrotzt. Aber sie hat diesen Kampf verloren.

Selbst den gewaltsamen Tod der Nitribitt hat Kuby noch instrumentalisiert, um mit seiner fragwürdigen These von der unvermeidlichen Schicksalshaftigkeit ihrer „Karriere zum Tode“ (S. 300), wie Kuby es nannte, noch eins draufzusetzen.

Bis in den Tod und selbst nach ihrem Tod hat eine rachsüchtige bürgerliche Gesellschaft der Nitribitt den Respekt ihrer Menschenwürde vorenthalten, nur weil sie eine Prostituierte war, deren größte Provokation darin bestand, in ihrem Beruf mehr Geld zu verdienen als manch andere in ihren bürgerlichen Berufen. Das hat man ihr verübelt.

Ihre Ermordung wurde nicht dazu genutzt, ihr nachträglich die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die ihr zugestanden hätte, dass nämlich ihr Mörder verurteilt wird. Stattdessen hat man durch stümperhaftes Vorgehen der Ermittlungsbehörden dafür gesorgt, dass alles im Sande verlief. Es war insofern wie unter den Nazis, als man den Vergewaltiger der damals 11-jährigen Rosemarie ungeschoren davon kommen ließ, obwohl er allen bekannt war.

Doch die Rache des Patriachats ging noch weiter: So hat man den Totenschädel der Nitirbitt nach ihrer Obduktion von ihrem Körper abgetrennt und der Frankfurter Polizei als Lehrmittel für die Ausbildung von Kommissaren übergeben. Gleichsam als Trophäe wurde sie anschließend im Kriminalmuseum Frankfurt ausgestellt. Der damals ermittelnde Kriminalkommissar Kalk ließ es sich nicht nehmen, sich den Schädel der Nitribitt auf sein Zimmer kommen zu lassen, wo die Jungs von der Kripo ihren Spaß damit hatten und ihr eine qualmende Zigarette ins Totengebiss steckten, wie es Ilse Romahn berichtet, die seinerzeit als Sekretärin im Vorzimmer arbeitete.

Erst 50 Jahre nach ihrer Ermordung, im Jahre 2008, hat man es für nötig befunden, den Schädel in Nitribitts Grab in Düsseldorf beizusetzen.

In den 60er Jahren hatte man das für damalige Verhältnisse hohe Einkommen der Nitribitt zum Anlass genommen, eine Besteuerung der Prostituierten einzuführen. Daran ist für sich genommen nichts auszusetzen. Aber es war natürlich eine diskriminierende Besteuerung, da mit der Pflicht zur Besteuerung keine gleichzeitige Gewährung elementarer Grundrechte für Sexarbeiter/innen einherging.

4. FAZIT

Von der strukturellen Gewalt gegenüber Sexarbeit, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft der Normalzustand ist und auch Nitribitts Leben prägte, findet sich in Kubys Buch nicht der Hauch einer Andeutung.

Die systematische Ausblendung dieser Realität entspricht der Halbherzigkeit linksliberaler Gesellschaftskritik. Denn die bürgerliche Gesellschaft hat Kuby in seinem Buch niemals grundsätzlich kritisiert. Er hat deren spezifische Ausprägung als „Wirtschaftswunder“-Deutschland aufs Korn genommen. Ihm missfielen die Neu-Reichen, nicht aber der bürgerliche Reichtum. Ihm missfiel das schnelle Geld, nicht aber der Kapitalismus. Ihm missfiel die Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Folglich wollte er die bürgerliche Gesellschaft ohne Heuchelei und Verlogenheit.

Gleichwohl ist die Diskussion um Kubys Buch wichtig und notwendig. Nicht weil es besonders gut ist, sondern weil es Teil hat an einer allgemeinen Verlogenheit im bürgerlichen Umgang mit Prostitution. Diese Verlogenheit und Heuchelei besteht bis heute, wo man unter dem Vorwand des „Prostituiertenschutzes“ Sexarbeiter/innen dazu zwingt, sich einer diskriminierenden Sonderregistrierung zu unterwerfen und einen Hurenpass mit sich herumzuführen. Das gab es zuletzt unter dem Nationalsozialismus.

Diese Repression und die damit einhergehende gesellschaftliche Verlogenheit gilt es aus der Welt zu schaffen. Es wäre schön, wenn der heutige Abend dazu beitragen könnte.

Vielen Dank.

Anmerkung:

Rosemarie Nitribitt = Maria Rosalie Auguste Nitribitt

Sämtliche in der Rede gekennzeichneten Zitatstellen beziehen sich auf Erich Kuby, Rosemarie – Des deutschen Wunders liebstes Kind, Frankfurt 2020,
Verschiedene in der Rede vorgetragene Informationen stützen sich auf:
Margot Kreuzer, Die Entwicklung der heterosexuellen Prostitution in Frankfurt am Main von 1945 bis zur Gegenwart, Frankfurt 1987, S. 238 ff.
Fritz Koch, Verwaltete Lust, Stadtverwaltung und Prostitution in Frankfurt am Main (1866 – 1968), Frankfurt 2010, S. 267 ff.
Guido Golla, Rosemarie Nitribitt, Recherchen und Theorien, BoD 2013

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