Meinungsbild

Sexarbeiter*innen mehrheitlich gegen Videoüberwachung von Bordellen und der Beratungsstelle Doña Carmen e.V.

Im Frankfurter Bahnhofsviertel sind an neun Orten polizeilich genutzte Video-Überwachungsanlagen installiert, die mit Dutzenden von Kameras den öffentlichen Raum im Frankfurter Bahnhofsviertel ins Visier nehmen. Einige dieser Kameras ermöglichen neuerdings eine KI-gestützte biometrische Fernidentifizierung von Personen – ermöglicht durch eine im Frühjahr 2025 in Kraft getretene Änderung des hessischen Polizeigesetzes (§ 14 HSOG).

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Zwei der KI-gestützte Video-Systeme sind an der Ecke Taunusstraße / Elbestraße postiert und ermöglichen seitdem nicht nur die 24/7-Rundumüberwachung aller Bordelleingänge in diesen Straßen, sondern auch der Eingänge zur Beratungsstelle von Doña Carmen e.V., die seitdem ohne polizeiliche Überwachung nicht mehr betretbar ist. Mit einer – bislang unbeantwortet gebliebenen Beschwerde an den Hessischen Datenschutzbeauftragten – hat Doña Carmen e.V. dagegen protestiert und den Abbau dieser Überwachungsanlagen gefordert.

Was aber denken eigentlich die von der Überwachung betroffenen Sexarbeiter*innen in den Bordellen darüber? Sie wurden bislang nicht über ihre Meinung befragt. Deshalb gingen Mitarbeiter*innen von Doña Carmen durch vier von Video-Überwachung betroffene Bordelle und sprachen mit den dort tätigen Sexarbeiter*innen über dieses Thema.

Einen kleinen Fragebogen mit 6 Fragen beantworteten 42 Sexarbeiter*innen, mehrheitlich spanisch sprechende Frauen aus Lateinamerika und der Karibik, aber auch Frauen aus Bulgarien und Rumänien.

Der Mehrheit der Befragten waren die neuen Video-Überwachungsanlagen bereits aufgefallen. Aber immerhin ein Drittel von ihnen (34 %) hatte von ihnen bisher nicht Notiz genommen.

Auf die Frage, ob die Videokameras ihrer Meinung nach (a) mehr der Sicherheit oder (b) mehr der Kontrolle dienten, waren die Frauen unentschieden. Ihre Antworten hielten sich die Waage. 21 % sahen einen Vorteil für mehr Sicherheit, 26 % sahen eher die Kontrolle im Vordergrund. 38 % meinten bei dieser Frage, es ginge um beides gleichermaßen. 14 % der 42 Befragten vertraten dazu keine Meinung.

Diese Unsicherheit mag auch damit zusammenhängen, dass die Frage, ob ihre Kollegen*innen über das Thema Videoüberwachung schon gesprochen hätten, immerhin 57 % diese Frage verneinten, während nur 43 % sie bejahten.

In der Frage, ob die Eingänge aller Bordelle rund um die Uhr videoüberwacht werden sollten, waren die Mehrheiten jedoch deutlich: 59 % sprachen sich dagegen aus, 39 % dafür. Ähnlich urteilte man in Bezug auf die Videoüberwachung der Beratungsstelle von Doña Carmen: 60 % der Befragten sprachen sich dagegen aus, 38 % waren dafür.

Obwohl das Thema Videoüberwachung im Viertel bislang für viele (noch) nicht zum bevorzugten Gesprächsthema gehört, überwogen Skepsis und Ablehnung unter den befragten Frauen jedoch deutlich. Ausschlaggebend für sie waren auch Gespräche mit ihren Kunden und die Angst vor dem Verlust von Stammfreiern, die sich hinsichtlich der Überwachung der Bordelle besorgt zeigten.

Auf die offene Frage, was denn ihre Kollegen*innen über das Thema Videoüberwachung im Bahnhofsviertel denken, verwiesen eine Reihe der Befragten auf den Verlust von „Privatheit“. Eine Frau sprach davon, sie käme sich vor wie in einem „digitalen Gefängnis“. Solche Äußerungen lassen darauf schließen, dass die Videoüberwachung durchaus als Belastung wahrgenommen wird, die einer Reihe von Frauen offenbar große Sorge bereitet. Diesen Aspekt nimmt Doña Carmen sehr ernst.

Doña Carmen e.V. wird die Befragungen und Gespräche mit den Sexarbeiter*innen in den Bordellen zum Thema Videoüberwachung fortsetzen.