Pressemitteilung

Bordelle öffnen statt Prostitution verbieten!

Doña Carmen e.V., Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten, wendet sich entschieden gegen den gestrigen Versuch von  Politikern aus dem Umkreis der Prostitutionsgegnerin und SPD-Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier, die Corona-Krise zu instrumentalisieren und die nunmehr über neun Wochen andauernde Schließung von Prostitutionsstätten zum Anlass zu nehmen, ein Prostitutionsverbot zu fordern.

Als Trittbrettfahrer der Corona-Pandemie geht es Breymaier u.a. nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern darum, Ressentiments gegenüber Prostitution zu schüren und ihr Verbots-Süppchen auf dem Rücken der betroffenen Sexarbeiter-/innen zu köcheln.

Die Argumente, die sie für ihr Anliegen vorbringen, zeigen erneut die geballte Unkenntnis, die nur durch ihre abgrundtiefe Abneigung gegenüber Menschen im Prostitutionsgewerbe übertroffen wird.

So behaupten sie, die Corona-Krise hätte betätigt, dass die in der Prostitution tätigen Frauen zur Prostitution „gezwungen“ würden und sie „Zuhältern“ ausgeliefert seien. Das ist ein alter Ladenhüter, der auch durch Wiederholung nicht an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Ausweislich der Zahlen des Statistischen Bundesamts gab es zuletzt, im Jahre 2018, bundesweit gerade einmal 23 wegen „Zuhälterei“ bzw. 64 wegen „Menschenhandel“ / “Zwangsprostitution“ verurteilter Täter. Offensichtlich ist es den Prostitutionsverbots-Befürwortern im Eifer des Gefechts entgangen, dass diese Zahlen sind seit nunmehr über 20 Jahren im Sinken begriffen sind und sich zu einer Skandalisierung schlecht eignen. Bezogen auf die Gesamtzahl der im Prostitutionsgewerbe tätigen Frauen bewegt sich das Kriminalitätsgeschehen dort im absoluten Promillebereich.

Doch die Prostitutionsverbots-Politiker haben es mit Zahlen ohnehin nicht so, sonst wären sie nicht von der inzwischen allgemein als unseriös geltenden Zahl von angeblich 400.000 im Prostitutionsgewerbe tätigen Sexarbeiter/innen ausgegangen. Auch die von ihnen genannte Zahl von 33.000 registrierten Sexarbeiter/innen ist mittlerweile veraltet. Sie stammt aus dem Jahr 2018. Nach Angaben der Bundesländer bezüglich der Entwicklung im Jahre 2019 kommt man bereits auf über 50.000 registrierte Sexarbeiter/innen, deren Gesamtzahl in Deutschland sich bestenfalls auf 90.000 beläuft.

Auch die Behauptung, Prostitutionstätigkeit sei „kein existenzsichernder Beruf“ ist an den Haaren herbeigezogen. Wie erklärt man sich denn die hohe Zahl an Frauen, die dort angeblich unterhalb eines Existenz sichernden Niveaus tätig sein sollen?

Auch die Aussage, Sexarbeiter/innen hätten allesamt „keine Krankenversicherung“, ist unzutreffend. In Deutschland leben mehr als 80.000 Menschen ohne Krankenversicherung, was in der Regel daran liegt, dass das gegenwärtige Krankenversicherungssystem den KV-Beitrag für Solo-Selbständige einkommensunabhängig an einer unteren Beitragsbemessungsgrenze orientieren, die der tatsächlichen Einkommenslage vieler Selbständiger nicht gerecht wird. Vor allem dann nicht, wenn es sich um Wanderarbeiter/innen handelt. Viele migrantische Sexarbeiterinnen haben zudem eine EU-Krankenversicherung, was nicht verschwiegen werden sollte. Dass sich ausgerecht ein Gesundheitspolitiker wie Herr Lauterbach (SPD) hinstellt und mit  Verweis auf eine prekäre soziale Absicherung von Sexarbeiter/innen ein Prostitutionsverbot fordert, obwohl dessen Partei es seit Jahren nicht fertig bringt, eine bezahlbare Bürgerversicherung auf den Weg zu bringen, ist schon ein starkes Stück.

Von völliger Unkenntnis des Prostitutionsgewerbes zeugt nicht zuletzt die Behauptung der Prostitutionsverbots-Befürworter, Sexarbeiter/innen hätten „keine Wohnung“. Es hat sich vielleicht noch nicht bis zu ihnen herumgesprochen, dass Sexarbeiter/innen aufgrund der allgemeinen Stigmatisierung von Sexarbeit selten an dem Ort arbeiten, wo sie wohnen. Das trifft insbesondere auf Sexarbeits-Migrantinnen zu, die oft zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland pendeln. Anstatt für kurze Zeit sündhaft teuren Wohnraum anzumieten, nehmen sie vor Ort mit vorübergehenden Unterkünften vorlieb, insbesondere nachdem die Politiker der großen Koalition aus CDU/CSU/SPD ihnen das bequeme Übernachten in Bordellen verboten haben.

Jetzt mit dem Finger auf die Frauen zeigen und sie öffentlich anzuschwärzen, ist eine billige und verwerfliche Doppelmoral. Selbstverständlich haben Sexarbeiter/innen eine Wohnung – entweder in Deutschland oder in ihrem Herkunftsland. Oder haben die Damen und Herren Breymaier, Lauterbach etc. 400.000 Prostituierte draußen auf Parkbänken übernachten sehen?
Man muss das Übernachten in vorübergehenden (Sammel-)Unterkünften nicht gut finden. Das gibt es ja bekanntlich auch bei den migrantischen Arbeiter/innen in Wurstfabriken, die im eigentlichen Sinne vor Ort auch „keine Wohnung“ haben. Aber kommt deshalb irgendein Vernunft begabter Mensch auf die absurde Idee, deshalb das Verbot der Wurstproduktion zu fordern?

Schließlich verweisen die Prostitutionsverbots-Befürworter auf die Unmöglichkeit, im Rahmen der Prostitutionstätigkeit die Regeln des Social Distancing (1,5-Meter-Mindestabstand) einhalten zu können. Vielleicht äußern sich die Prostitutionsverbots-Befürworter einmal inhaltlich dazu, dass nach den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen die COVID19-Infektioinen bereits seit dem 10./11. März 2020 zurückgehen (= Infektionsdatum, nicht COVID19-Meldedatum!) und die Social-Distancing-Regel des 1,5-Meter Mindestabstands erst am 22. März 2020 eingeführt wurde. Was zeitlich später liegt, kann logischerweise nicht für den Rückgang von COVID19-Infektionen ursächlich sein.

Vor diesem Hintergrund erfordert ein sinnvoller Infektionsschutz im Prostitutionsgewerbe gerade nicht, sich an Kontaktbeschränkungen, sondern vielmehr am Schutz von Risikogruppen zu orientieren.

All das zeigt, dass es den Prostitutionsverbots-Befürworter/innen nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern um bloße Stimmungsmache geht. Ein zivilisierter  gesellschaftlicher Umgang mit den  Herausforderungen durch Corona sieht anders aus. Er sollte allemal darin bestehen, einen derart charakterlosen und schäbigen Umgang mit Sexarbeiter/innen im Prostitutionsgewerbe, wie ihn die Sexkaufverbots-Befürworter pflegen, entschieden zurückzuweisen.

Daher fordert Doña Carmen e.V., Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten, die Öffnung der Bordelle statt das Verbot von Prostitution!