Pressemitteilung: „Fake-Science“

Gezielte Desinformation und Falschangaben in Studie über deutsche Freier

Die Untersuchung „Männer in Deutschland, die für Sex bezahlen“ ist eine von vier Studien, auf die die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ihre Forderung nach einem Sexkaufverbot stützt. Doch eine heute veröffentlichte, umfangreiche Stellungnahme der Prostituierten-Organisationen BesD und Doña Carmen e.V. hat sich eingehend mit der Freier-Studie der US-amerikanischen Psychologin und Prostitutionsgegnerin Melissa Farley befasst und kommt dabei zu einen vernichtenden Urteil.

Zweifelhafte, durchweg intransparente Verfahrensweisen und dubiose, nicht nachprüfbare Ergebnisse kennzeichnen Farleys Freier-Studie – so die Autoren*innen der jetzt vorgelegten Stellungnahme „Alternative Fakten“:

● Straßenstrich überrepräsentiert: Über die Hälfte der nur in zwei deutschen Städten – Karlsruhe und München – befragten 96 Sexkäufer hat die von ihnen in Anspruch genommenen sexuellen Dienstleistungen auf dem Straßenstrich nachgefragt, obwohl der Anteil dieses Segments am Prostitutionsgewerbe deutschlandweit im unteren einstelligen Prozentbereich liegt. Demgegenüber hat eine ebenfalls 2022 publizierte Studie von Prof. Dr. Nicola Döring ergeben, dass 78,6 % der von ihr befragten 2.336 Sexkäufer ihren Bezahlsex in Bordellen hatten (vgl. „Männer, die für Sex bezahlen – Prävalenz und sexuelle Gesundheit“). Das belegt nachdrücklich die mangelnde Repräsentativität der Ausgangsvoraussetzungen und der Ergebnisse der Farley-Studie.

● Teilstudie zu indischen Freiern unveröffentlicht: Die Farley-Studie reklamiert, ein „Bericht über das Sexgewerbe in 6 Ländern“ zu sein, doch schon die Teil-Studie zu Indien ist nirgends auffindbar und gar nicht veröffentlicht.

● Freier sind „sexuell aggressiv“: Für die zentrale Behauptung Farleys, Sexkäufer seien gewaltaffin, fehlt in der Studie jeder Nachweis. So bleibt die Autorin überprüfbare Belege für bereits begangene Gewalttaten der Sexkäufer gänzlich schuldig und vermag „Belege“ für eine angeblich gewaltbereite Einstellung von Freiern nur auf methodisch unzulässige  Suggestivfragen zu stützen.

● Vermeintliche O-Töne von Freiern sollen eine unverantwortliche Empathielosigkeit von Sexkäufern belegen und gleichzeitig Authentizität vermitteln. Tatsächlich aber liegt hier in vielen Fällen eine bewusste Täuschung von Leser*innen und Öffentlichkeit vor. So wird in der deutschen Freier-Studie ein Prostitutionskunde mit den Worten zitiert:

„Was auch immer die Bordellbetreiber den Prostituierten sagten, was sie mit den Kunden machen sollten, die Prostituierten widersprachen nie, sondern befolgten die Anweisungen, egal ob sie es wollten oder nicht. Die ganze Macht lag in den Händen der Bordellbetreiber. Die meisten Prostituierten trauten sich nicht, mit den Bordellbetreibern zu reden oder zu    diskutieren.“ (Farley, 2022, S. 27)

Farley versäumt es kenntlich zu machen, dass es sich dabei um die Aussage eines kambodschanischen Prostitutionskunden handelt, den Farley bereits in ihrer vor zehn Jahren veröffentlichten Studie über Sexkäufer in Phnom Penh (Farley, 2012, S. 22) zitiert hat!

Die gemeinsame Stellungnahme von BesD und Doña Carmen e.V. bringt Beispiele, die belegen, dass ein solches Vorgehen bei Farley kein Einzelfall ist. „Geltende wissenschaftliche Standards werden beharrlich und systematisch missachtet“, lautet daher die Schlussfolgerung der 53-seitigen Stellungnahme der beiden Sexarbeiter-Organisationen zur deutschen Farley-Studie.

Das Vorgehen Farleys „erinnert doch sehr an den angeblichen Dokumentarfilm „Love-Mobil“, der seinerzeit als ‚authentische“ Dokumentation‘ vermarktet wurde, bis nach anderthalb Jahren herauskam, dass alles in dem Film nachgestellt und inszeniert war“, so Juanita Henning, Sprecherin von Doña Carmen e.V.. „Es muss um die Argumente der Verfechter*innen des ‚Nordischen Modells‘ der Freier-Kriminalisierung schlecht bestellt sein, wenn sie es nötig haben, sich auf eine derart windige und zweifelhafte Studie zu stützen“, so Henning.

Angesichts von insgesamt 28 kritischen Einwänden bewerten BesD und Dona Carmen die von Melissa Farley vorgelegte Freier-Studie als gescheiterten Versuch, der von Prostitutionsgegner*innen geforderten Kriminalisierung des Sexkaufs eine wissenschaftliche Legitimation zu verleihen.

Doña Carmen e.V., mit Sitz in Frankfurt/Main, ist seit 1998 aktiv als ‚Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten‘, insbesondere Prostitutionsmigrantinnen.

https://www.donacarmen.de/wp-content/uploads/ALTERNATIVE-FAKTEN.pdf

Über Doña Carmen | www.donacarmen.de
Der Verein setzt sich für die sozialen und politischen Rechte von Frauen ein, die in der Prostitution arbeiten. Die Organisation hat ihren Sitz im Rotlichtmilieu von Frankfurt am Main (Deutschland). Doña Carmen existiert seit 1998 und ist als gemeinnütziger Verein anerkannt.

Ansprechpartnerin: Juanita Henning
Mail: donacarmen@t-online.de
Tel.:  069 7675 2880

Über den BesD | www.berufsverband-sexarbeit.de
Der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen wurde 2013 von und für Sexarbeiter*innen gegründet – mit fast eintausend Mitgliedern ist der BesD e. V. der größte Sexworker-Verbund Europas. Ziele sind die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in der Sexarbeit sowie die Bekämpfung von Missständen.

Ansprechpartnerin: Johanna Weber, politische Sprecherin BesD e.V.
Mail: johanna@besd-ev.de – Tel.: 0151 – 1751 9771