Pressemitteilung – „taz“- Aufruf: ‚Frankfurter Erklärung‘ fordert Rechte und Respekt für Sexarbeiter/innen!

In ihrer morgigen Ausgabe vom 14. September 2013 veröffentlicht die Tageszeitung „taz“ als großformatige Anzeige die von Doña Carmen initiierte und mittlerweile von vielen Sexarbeiter/innen sowie einer breiten Öffentlichkeit unterstützte ‚Frankfurt Erklärung‘ „Rechte und Respekt für Sexarbeiter/innen!“

Die Unterzeichner/innen der ‚Frankfurter Erklärung‘ appellieren im Vorfeld der Bundestagswahl an alle politisch Verantwortlichen, insbesondere an die zukünftigen Regierungsparteien, jegliche Form von diskriminierender rechtlicher Sonderbehand-lung von Sexarbeiter/innen in der Prostitution einzustellen und endlich den Realitäten ins Gesicht zu sehen:

Prostitution ist längst ein regulärer Wirtschaftszweig und Sexarbeit ein durch Artikel 12 Grundgesetz rechtlich geschützter Beruf. Jeden Tag werden hierzulande tausende und abertausende sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen und bezahlt. Sexarbeit ist ein legitimer, aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenkender Wirtschaftsfaktor. Er basiert weder auf ‚moderner Sklaverei‘, noch auf so genannter ‚Zwangsprostitution‘, sondern auf einem einvernehmlichen Kauf und Verkauf von Sexdienstleistungen.

Sofern es kriminelle Konstellationen in diesem Wirtschaftszweig gibt, bewegt sich deren Größenordnung – wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch – lediglich im Promillebereich. Indem problematische Einzelfälle regelmäßig aufgebauscht und verallgemeinert werden, wird diese nachweisbare Tatsache von interessierter Seite auf den Kopf gestellt und so die Realität verzerrt. Sexarbeiter/innen in der Prostitution werden als ‚Opfer‘, bestenfalls als naive, leichtfertig zu täuschende Personen dargestellt, die angeblich nur unter Nötigung und Zwang der Prostitution nachgehen. Man müsse sie schützen, befreien und retten. Welch bizarre Karikatur auf die Realität! Welch groteske Verlogenheit im 21. Jahrhundert!

Anstatt die Realität der einvernehmlich stattfindenden Prostitution endlich anzuerkennen, haben die etablierten politischen Parteien im Juni 2013 damit begonnen, sich wechselseitig mit Gesetzesvorlagen zu überbieten, die auf eine Perfektion der Prostitutionskontrolle und auf eine staatlich verordnete Eindämmung von Prostitution hinauslaufen.

Ob CDU/CSU und FDP, ob SPD oder Bündnis 90 / Die Grünen – mit der geplanten rechtlichen Einstufung von Prostitutionsstätten als „überwachungsbedürftige“ oder aber als „konzessionspflichtige“ Gewerbe findet sich überall das gleiche Bestreben: Im Namen des Präventionsstaates werden Bürgerrechte außer Kraft gesetzt und Frauen in der Prostitution einer Überwachung in Permanenz unterworfen. Der behauptete „Schutz“ von Frauen in der Prostitution ist Blendwerk. Sowohl der gegenwärtig vorliegende CDU/CSU/FDP-Gesetzentwurf vom 04.06.2013, als auch der Gesetzentwurf von Bündnis 90 / Die Grünen vom 26.06.2013 zielen auf die behördliche Totalerfassung sämtlicher in Prostitutionsstätten tätiger Sexarbeiter/innen. Damit werden die bislang illegal praktizierten Methoden der polizeilichen Registrierung der Prostituierten lediglich legalisiert. Beide Gesetzentwürfe bezwecken die Ausdehnung des § 29 Gewerbeordnung („Auskunft und Nachschau“) auf den Bereich von Prostitutionsstätten. „Jederzeitige, anlasslose, möglichst polizeiliche Kontrollen“ – so lässt sich der öffentlich zur Schau gestellte, parteiübergreifende Offenbarungseid der politischen Kaste in punkto Prostitution kurz und bündig zusammenfassen.

Die sich hier abzeichnende Entwicklung markiert einen Wendepunkt in der bundesdeutschen Prostitutionspolitik. Maßgebend wären fortan wieder polizeiliche Kontroll- und Überwachungsbestrebungen, nicht aber die Interessen der Sexarbeiter/innen an einer freien, ungehinderten Ausübung ihrer Berufstätigkeit.

Die Unterzeichner/innen der ‚Frankfurter Erklärung‘ fordern demgegenüber eine „tatsächliche rechtliche Gleichstellung von Prostitution mit anderen Berufen“ und die längst überfällige „gesellschaftliche Wertschätzung von Sexarbeit“.

Alles andere wäre nicht nur verlogen, sondern auch politisch bedenklich und gefährlich. Stimmungsmache gegen Prostitution und fortgesetzte Entrechtung von Sexarbeiter/innen ist erfahrungsgemäß nur der Vorbote einer zunehmend rigideren Sexualmoral, einer prüderen Gesellschaft, die glaubt, Menschen als Untertanen behandeln und ihnen das Verständnis von ‚sexueller Selbstbestimmung‘ vorschreiben zu können. Doch davon haben immer mehr Menschen die Nase voll.

Als einer der vielen Unterstützer/innen der ‚Frankfurter Erklärung‘ fordert Doña Carmen e.V. von den politisch Verantwortlichen, den vor Jahren eingeschlagenen Weg der Legalisierung von Prostitution – gemeinsam mit den Sexarbeiter/innen, – konsequent voranzutreiben. Prostitution muss vollständig entkriminalisiert und als grundrechtlich geschützter Beruf anerkannt werden – ohne Wenn und Aber. Eine Kehrtwende in der Prostitutionspolitik, für die es keinen sachlichen Grund gibt, darf es nicht geben!

PS.
Doña Carmen e.V. bedankt sich bei allen, die die Frankfurter Erklärung „Rechte und Respekt für Sexarbeiter/innen“ unterzeichnet, verbreitet und deren Veröffentlichung als Zeitungsanzeige finanziell unterstützt haben. Wir halten es für unbedingt erforderlich, auch über den Wahltermin hinaus mit der ‚Frankfurter Erklärung‘ zu arbeiten und aufzuklären, um politisch Einfluss zu nehmen für die „tatsächliche rechtliche Gleichstellung von Prostitution mit anderen Berufen“!

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