Aidshilfe & Sexarbeits-Studie

Deutsche Aidshilfe scheut Kontroverse und verweigert Diskussion

Im April Mai 2024 veröffentlichte die Deutsche Aidshilfe e.V. eine Studie über gesundheitliche Bedarfe von Sexarbeiter*innen. (1) Dazu hat Doña Carmen e. V. in einer 40-seitigen Stellungnahme (2) detailliert Stellung genommen und in einem „Offenen Brief“ die Deutsche Aidshilfe dafür kritisiert, dass sie mit ihrer Publikation Sexarbeiter*innen stigmatisiert und ihnen Schaden zufügt. (3)

Diese Kritik hat der Deutschen Aidshilfe nicht gefallen. In einem Antwortschreiben (4) vom 28.06.2024 an Doña Carmen meldete sich DAH-Geschäftsführerin Silke Klumb zu Wort und attestierte uns ein „grundlegendes Missverständnis“ bzw. eine „grundlegende Fehlinterpretation“. Worin aber soll nach Meinung der Deutschen Aidshilfe das „Missverständnis“ Doña Carmens bestehen?

Angeblich habe Doña Carmen verkannt, dass es gar nicht die Absicht der Deutschen Aidshilfe gewesen sei, „repräsentative Daten hervorzubringen“. Es sei der Deutschen Aidshilfe lediglich darum gegangen, den Blick auf „untererforschte“ Gruppen in der „diversen Sexarbeits-Landschaft“ zu richten, also auf trans, männliche, Straßen- und drogenabhängige Sexarbeiter*innen, um auf dieser Grundlage „passende Präventions- und Hilfsangebote zu machen“. Doña Carmen habe die auf einem patizipativen Forschungsansatz basierende qualitative Studie  fälschlicherweise „an statistischen Maßstäben gemessen“. Aufgrund dieses „Missverständnisses“ erübrige sich jede weitere Befassung mit der von Doña Carmen vorgetragenen Kritik:

„Eine Diskussion Ihrer Kritikpunkte im Einzelnen erscheint uns aufgrund dieser grundlegenden Fehlinterpretation unseres Forschungsansatzes nicht sinnvoll.“

Was die Deutsche Aidshilfe hier zu ihrer Entlastung vorbringt, geht am Kern der Auseinandersetzung vorbei. Doña Carmen hat sehr wohl zur Kenntnis genommen und gar nicht in Abrede gestellt, dass die DAH-Studie eine „qualitative Studie“ ohne Repräsentativitätsanspruch ist. Das ist überhaupt nicht der Streitpunkt, um den es geht. Die Deutsche Aidshilfe konstruiert mithin ein „Missverständnis“, um sich der Kritik nicht zu stellen.

Nicht um den „Anspruch“ und das von der Deutschen Aidshilfe reklamierte „Ziel“ ihrer Studie, geht es, sondern um deren Durchführung. Der zentrale und gar nicht schwer zu verstehende Kritikpunkt von Doña Carmen lautet: Gerade weil es sich bei der Sexarbeits-Studie der Deutschen Aidshilfe um eine qualitative, nicht-repräsentative Studie handelt, ist es unzulässig, auf dieser Grundlage allgemeine Schlussfolgerungen in Bezug auf „Sexarbeiter*innen in Deutschland“ abzuleiten. Genau das aber macht die Deutsche Aidshilfe:

„Diese qualitative Studie über die Bedarfe von Sexarbeiter*innen in Deutschland hat ernstzunehmende Probleme offenbart und aufgezeigt, wie Sexarbeit mit gesundheitlichen Risiken einhergehen kann“,

heißt es einleitend im Schlusskapitel der DAH-Studie. (S. 88) Die notwendige und sinnvolle Beschränkung auf „untererforschte“ Sexarbeiter-Gruppen mit Mehrfachdiskriminierung, wie es die Deutsche Aidshilfe als ihre „Absicht“ benennt, wird wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Damit wird nicht nur über die schmale und extrem selektive Datenbasis der DAH-Studie hinweggetäuscht. Damit werden zudem die risikobehafteten Umstände der Tätigkeit bestimmter marginaler Teilgruppen in der Sexarbeit unzulässigerweise der Berufsgruppe der Sexarbeiter*innen in Gänze zugeschrieben. In stigmatisierender Weise erscheinen sämtliche Sexarbeiter*innen nun als „Problemfall“.

Wer in generalisierendem Gestus über „ernstzunehmende Probleme“ von „Sexarbeiter*innen in Deutschland“ spricht und „dringenden Handlungsbedarf“ konstatiert, bedient einen unverantwortlichen Alarmismus, der auf wissenschaftlich unzulässiger Verallgemeinerung basiert.

Deutlich wird das im Umgang der DAH-Studie mit Prostitutionsmigrantinnen, die hierzulande 80 % aller 28.000 registrierten Sexarbeiter*innen ausmachen. Unter den 80 in der DAH-Studie befragten Sexarbeiter*innen befanden sich 51 Migranten*innen, darunter 23 Personen, also nahezu die Hälfte (!) mit prekärem Aufenthaltsstatus. Ausgehend von dieser viel zu kleinen, willkürlich („nicht-repräsentativ“) ausgewählten und obendrein sehr speziell zusammengesetzten Gruppe migrantischer Sexarbeiter*innen kommt die DAH-Studie zu dem Schluss, dass in der Prostitution tätige „migrantische Frauen und Männer mit und ohne Papiere“ in Deutschland als Gruppe „mit erhöhtem Informations- und Unterstützungsbedarf identifiziert“ worden seien. (S. 91).

Um es mal in aller Deutlichkeit festzustellen: Die Deutsche Aidshilfe verfügt weder in Bezug auf Sexarbeit im Allgemeinen, noch in Bezug auf Migranten*innen in der Sexarbeit über eigene Expertise. Trotzdem trifft sie Feststellungen, die sich aus ihrer Sexarbeits-Studie nicht im Entferntesten ableiten lassen.

Zur Erinnerung: Auf diesem schlichten Pars-pro-toto-Strickmuster basiert die abolitionistische „Kritik“ der Prostitution von Sybille Zumbeck bis Melissa Farley. Dass nun auch die Deutsche Aidshilfe glaubt, sich dieser Masche bedienen zu müssen, ist ein Armutszeugnis. Ein solches Vorgehen stigmatisiert Sexarbeiter*innen und schadet ihnen.

Das weiß die Deutsche Aidshilfe. Daher bemüht sie sich, Kritik an ihrem methodischen Vorgehen und ihren Empfehlungen zum politischen Umgang mit Sexarbeit gleich im Ansatz zu ersticken. Zum eigenen Schutz behauptet sie, Opfer eines „Missverständnisses“ zu sein.

Doch jede*r mündige Leser*in kann sich leicht vom Gegenteil überzeugen. Doña Carmen e.V. hat die DAH-Sexarbeits-Studie sehr wohl verstanden. Von einer „grundlegenden Fehlinterpretation“ kann überhaupt keine Rede sein.

Anstatt das zuzugeben und ihre Fehler offen einzugestehen, drückt sich die Deutsche Aidshilfe durch Diskussionsverweigerung vor der öffentlichen Auseinandersetzung. Ganz im Stile der Opfer-Täter-Umkehr präsentiert sich die Deutsche Aidshilfe mimosenhaft als missverstandenes Opfer und verschanzt sich hinter einem „Präventionsanspruch“, den sie für sich reklamiert. Ein solcher Anspruch in allen Ehren, aber er ist kein Freibrief für schrillen Alarmismus („dringender Handlungsbedarf“), kein Freibrief für die Stigmatisierung von Sexarbeit und erst Recht kein Freibrief für die Beibehaltung diskriminierender Strukturen, wofür sich die Deutsche Aidshilfe neuerdings mit der Forderung nach einer „Optimierung“ der Zwangsberatungen für Sexarbeiter*innen stark macht.

Wenn also die Gründe für die befremdliche Diskussionsverweigerung der Deutschen Aidshilfe gar nicht in vermeintlichen „Missverständnissen“ liegen – worin liegen sie dann?

Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf die Interessen zielführend, die mit der DAH-Studie verfolgt werden.

Zentrales Anliegen der DAH-Studie ist die Plazierung von Produkten der Pharma-Industrie in der Sexarbeits-Branche. Dabei geht es um die Forcierung des Absatzes der prophylaktisch einzunehmenden Präperate PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe) und PEP (Post-Expositions-Prophylaxe) als medikamentöse Schutzmethode vor HIV.

„Ein wichtiges Ziel der Studie war, herauszufinden, inwiefern die PrEP für Sexarbeiter*innen eine sinnvolle Präventionsmethode sein kann und welche Barrieren beseitigt werden sollten, um eine bessere Versorgung von Sexarbeiter*innen mit der PrEP zu ermöglichen.“ (S. 77)

In gleich zwei Empfehlungen der Deutschen Aidshilfe an die Politik spielen PrEP / PEP eine maßgebliche Rolle. So heißt es in Empfehlung 8: „Alle Sexarbeiter*innen sollten wissen, dass es die PrEP gibt.“ Und weiter heißt es: „Derartige Angebote sollen ausgeweitet werden und in mehr Gesundheitsämtern verfügbar sein. Für Menschen mit geringem Einkommen sollten die Kosten für die Medikamente übernommen werden.“

Auch hier ist von einer vorgeblichen Konzentration und Beschränkung der DAH-Studie auf die Befassung mit besonders vulnerablen Untergruppen in der Sexarbeit keine Rede mehr. Es geht um „alle Sexarbeiter*innen“, wie es in der DAH-Studie ausdrücklich heißt. Marginale, mehrfachdiskriminierte Gruppen unter den Sexarbeiter*innen erscheinen bestenfalls als Anknüpfungspunkt und Türöffner, die instrumentalisiert werden, um den gesamten Markt der Sexarbeit für entsprechende Produkte der Pharmaindustrie zu erschließen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Deutsche Aidshilfe hier gleichsam als eine Art Drückerkolonne für die medikamentöse Behandlung von Sexarbeiter*innen mit Prep / Pep agiert.

Noch bestünden „viele falsche Annahmen: etwa, dass die PrEP nur für Menschen gedacht sei, die Sex ohne Kon­dom haben, sagte die Leiterin der Erhebung bei der DAH, Eléonore Willems. Außerdem bestünden massive Zugangshindernisse, etwa bei Menschen ohne Krankenversicherung. Wissen und Zugang zu diesen Möglich­keiten sollten hierzulande verbessert werden, so eine der Empfehlungen aus der Analyse…. Die Gesundheitsämter seien in der idealen Position, um über die PrEP zu informieren und diese auch anzu­bieten, sagte die Ärztin Johanna Claass, die die Fachabteilung Sexuelle Gesundheit in der Sozialbehörde Hamburg leitet und die dem Projektbeirat (der DAH-Studie, DC) angehörte. „Weil wir den Zugang haben zu den Menschen, für die andere Stellen nicht ausreichend oder nicht niedrigschwellig genug oder nicht akzeptierend genug arbeiten.“ Beim Anbieten der PrEP gebe es aber noch Luft nach oben. Die PrEP sei nicht nur für schwule Männer und sie sei auch bei Sex mit Kondom sinnvoll, sagte Claass. Alle hätten das Recht, informiert zu sein. „Und dann ist das Verschreiben der PrEP einfach und ohne unnötige Hürden zu gestalten“, forderte sie. In Hamburg beispielsweise werde die PrEP auf Privatrezept verschrieben, in der Regel für Menschen ohne Krankenversicherung.“ (vgl. „Fehlendes Wissen und schwieriger Zugang zur PrEP in der Sexarbeit“, aerzteblatt.de, 10.04.2024).

Sexarbeiter*innen erscheinen mehr und mehr als ein noch unerschlossener Markt, als potenzielle Kunden*innen für Medikamente der Pharmaindustrie, deren Nutzen im Kontext von Sexarbeit durchaus zweifelhaft ist. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, dass die Deutsche Aidshilfe Sexarbeiter*innen in Gänze mit der Aussage stigmatisiert, sie hätten „im Vergleich zur weiblichen Allgemeinbevölkerung ein dreißigfach höheres Risiko, sich mit HIV zu infizieren“. (S. 11)

Auch hier ist von besonders vulnerablen Untergruppen mal wieder keine Rede. Die Deutsche Aidshilfe maßt sich an, allgemeine und dramatisierende Aussagen über Sexarbeiter*innen in ihrer Gesamtheit zu treffen, ohne dass es für derart übertriebene Größenordnungen in den Veröffentlichungen des RKI den geringsten Beleg gibt. Damit schadet die Deutsche Aidshilfe den Sexarbeiter*innen.

Gefördert wurde die aufwendige DAH-Studie vom Bundesgesundheitsministerium. In welcher Höhe und mit welchem Ziel dies geschah, darüber erfahren Leser*innen der Sexarbeits-Studie der Deutschen Aidshilfe nichts.

Die Deutsche Aidshilfe feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Man kann ihr aus diesem Anlass nur wünschen, dass der problematische Umgang mit Sexarbeit, wie er in der DAH-Studie zum Vorschein kommt, nicht Schule macht.

1  Deutsche Aidshilfe, Was brauchen Sexarbeiter*innen für Ihre Gesundheit, April 2024
0000 Forschungsbericht-Studie-zu-Sexarbeit-Deutsche-Aidshilfe

2 Doña Carmen, Studie der Deutschen Aidshilfe schadet Sexarbeiter*innen, Juni 2024    AIDSHILFE-ARTIKEL

3 Doña Carmen, Offener Brief an die Deutsche Aidshilfe, 11. Juni 2024  Schreiben an DAH

4 Antwort der Deutschen Aidshilfe an Doña Carmen, 28. Juni 2024
2024-06-28 Antwort an Dona Carmen