Kindesentzug bei Sexarbeiterin mit Roma-Hintergrund:

Frankfurter Sozialdezernentin verweigert Auskünfte

Doña Carmen e.V. hat den Fall des Kindesentzugs bei einer rumänischen Sexarbeiterin im Juni 2020 in Frankfurt (siehe: „Frankfurter Jugendamt entzieht Sexarbeiterin mit Roma-Hintergrund ihr neugeborenes Kind“, https://www.donacarmen.de/pressemitteilung-5/#more-2459) sowie das dubiose Angebot städtischer Ämter an die betroffene Mutter („Kind zurück bei sofortiger, von der Stadt finanzierter Rückreise ins Herkunftsland“)
am 10. Juli zum Anlass genommen, einen „Offenen Brief“ an die zuständige Frankfurter Sozialdezernentin, Prof. Dr. Birkenfeld, zu schicken (siehe: https://www.donacarmen.de/offener-brief/) mit der Bitte um Beantwortung von acht Fragen.

Dabei geht es um Aufklärung darüber, ob es sich bei den seinerzeit kritisierten Abläufen einer in vieler Hinsicht fragwürdigen und aus unserer Sicht rechtswidrigen Inobhutnahme des Kindes einer rumänischen Sexarbeiterin um einen bedauerlichen Einzelfall handelt oder ob es sich bei diesem schmutzigen Deal in Frankfurt um eine gängige Behördenpraxis handelt, um Sexarbeiter/innen, insbesondere solche mit Roma-Hintergrund, kostengünstig loszuwerden und aus der Stadt zu vertreiben.

Die mittlerweile vorliegende Antwort der Frankfurter Sozialdezernentin an Doña Carmen e.V. (Schreiben Birkenfelds vom 7.8.2020, siehe Anhang) lässt auf Dezernatsseite jedoch nicht im Geringsten irgendein Bestreben erkennen, Umstände und Hintergründe des besagten Falles zu beleuchten.

Ganz im Gegenteil: Aus Sicht der Sozialdezernentin ist alles prima und rechtsstaatlich korrekt abgelaufen. Zudem sei es „erfreulich“, dass mittlerweile eine Familienhilfe eingerichtet wurde und eine „Rückführung des Kindes zu seiner Mutter erfolgen“ konnte.

Dass dies nur durch massive Intervention von Doña Carmen e.V. gegen den erheblichen Widerstand dreier städtischer Behörden gelingen konnte und dass die betroffene Mutter und das Mutter-Kind-Verhältnis unter der kritisierten städtischen Praxis erheblich gelitten haben, ist Frau Birkenfeld allerdings keine Silbe wert, geschweige denn ein Grund zur Selbstkritik.

Das eigentliche Problem des Antwortschreibens von Sozialdezernentin Birkenfeld ist nicht deren mangelnde Empathie in der Angelegenheit, sondern das deutlich erkennbare Bestreben, ganz offensichtlich fragwürdige Praktiken der ihr unterstellten Behörde zu decken und einer transparenten Diskussion zu entziehen. So schreibt die Sozialdezernentin:

„Eine Beantwortung Ihrer Fragen ist mir nicht möglich, da ethnische Unterscheidungen in der Statistik des Jugend- und Sozialamtes nicht vorgenommen werden und entsprechend auch nicht auswertbar sind.“

Hier handelt es sich um einen klaren Fall von Informationsverweigerung.

Zwar hat Doña Carmen e.V. den Offenen Brief an Sozialdezernentin Birkenfeld mit der Betreffzeile „Kindesentzug bei Roma-Frauen“ versehen. Doch lediglich eine von insgesamt acht gestellten Fragen bezog sich auf einen möglichen „Roma-Hintergrund“, alle anderen erbitten Angaben zur Nationalität von betroffenen Migrantinnen.

Angaben zur Nationalität finden sich auch im Abschnitt „Soziales“ des Statistischen Jahrbuchs der Stadt Frankfurt. Wer also diesbezüglich mauert und keine Angaben liefert, dokumentiert nur fehlenden Aufklärungswillen. Dass man in diesem Kontext auch einen Blick auf Fälle hätte werfen können, in denen ein „Roma-Bezug“ erkennbar ist, wäre sicherlich möglich gewesen, scheint aber nicht gewünscht.

Somit bleibt unterm Strich die Einsicht: Sozialdezernentin Birkenfeld ist ganz offenbar nicht daran interessiert, dubiose Vorgänge im Zusammenhang des Kindsentzugs bei osteuropäischen Sexarbeiter/innen näher zu beleuchten.

Das ist ein Armutszeugnis für die städtische Sozialverwaltung!

Damit steht bis zum Beweis des Gegenteils weiterhin im Raum, dass es bei der Praxis des städtischen Kindesentzugs bei südosteuropäischen (Prostitutions-)Migrantinnen mit durchaus erpresserischen Zügen („bei Ausreise Kind zurück“) nicht um einen „Einzelfall“, sondern eher um eine geläufige Praxis Frankfurter Sozialbehörden handelt. Schließlich räumt Sozialdezernentin Birkenfeld ein, dass seitens der Stadt „Rückkehrhilfen in die Heimatländer angeboten“ werden – wie es in beschönigendem Behördendeutsch heißt. Denn in dem betreffenden, von Doña Carmen betreuten Fall konnte weder ernsthaft von „Hilfe“, noch ernsthaft von einem „Angebot“ die Rede sein.

Doña Carmen e.V. wird sich mit dem vorliegenden Antwortschreiben von Sozialdezernentin Birkenfeld nicht abspeisen lassen, sondern über andere Wege alles daran setzen, dass die zuständige Sozialdezernentin Gelegenheit erhält, die ihr gestellten Fragen zu beantworten und Licht ins Dunkel der städtischen Praxis im Umgang mit hier lebenden südosteuropäischen Frauen, insbesondere solchen mit Roma-Hintergrund, zu bringen.

Anhang:
Antwort von Frau Prof. Dr. Birkenfeld  Antwortschreiben Birkenfeld

Brief von Doña Carmen an Frau Prof.Dr. Birkenfeld:
01 Offener Brief an Dezernentin Birkenfeld 10.07.2020