Stellungnahme von Doña Carmen e.V. zum Mainzer „Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen“

Melissa Farley – eine Hochstaplerin zu Gast auf Mainzer Abolitionisten-Treffen

In Mainz versammeln sich vom 2. bis 5. April 2019 Abolitionistinnen aller Herren Länder zu einem „Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen“. Was sie eint, ist der brennende Wunsch, Sexarbeiter/innen die Grundrechte abzuerkennen: das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das auch das Recht auf eine Entscheidung für die Sexarbeit einschließt, das Recht auf freie Berufsausübung, das Recht auf Unverletzlichkeit ihrer Wohnung etc. etc.

Stattdessen treten sie dafür ein, dass Deutschland die aus dem Jahre 1949 stammende „UN-Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und der Ausnutzung der Prostitution anderer“ ratifiziert – so die Forderung von Sarah Benson, der Vorsitzenden von „CAP international“ (Coalition for the Abolition of Prostitution), die zusammen mit dem katholischen Nonnen-Verein „Solwodi“ den Mainzer Abolitionisten-Kongress ausrichtet.

Die UN-Konvention von 1949 sieht die Bestrafung von Menschen vor, die andere zur Ausübung der Prostitution „verleiten oder verführen“, ein Bordell unterhalten oder eine Wohnung an Prostituierte vermieten.

Die verschwörungstheoretische Vorstellung, ein ganzer Wirtschaftszweig beruhe darauf, dass Frauen von Dritten zur Prostitution „verführt oder verleitet“ würden, erklärt die betroffenen Sexarbeiter/innen für dumm, einfältig und lediglich beschränkt einsichts- und geschäftsfähig. Diese frauenverachtende Vorstellung hat momentan wieder Konjunktur und führt im Zusammenhang mit Prostitutionsmigration regelmäßig zu einer mit Negativ-Konnotationen („Armutsprostitution“) nicht sparenden Debatte. Die Nähe zu rassistisch motivierter Fremdenfeindlichkeit wird dabei billigend in Kauf genommen.

Die vor 70 Jahren verabschiedete UN-Konvention wertet – ganz im Stil der damaligen Zeit – Prostitution als ein „Übel“, das das „Wohl des einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft“ gefährde. In diesem Zusammenhang steht die Forderung der Abolitionisten nach einer Kriminalisierung aller Freier gemäß schwedischem Vorbild, was als entscheidendes Mittel zur Lösung der „Prostitutionsfrage“ gilt.

Abolitionistinnen sind rechte Fundamentalisten. Mit den konservativen Eliten dieser Welt fordern sie, das „Wohl der Familie“ und damit einhergehend die traditionelle „Einheit von Sexualität und Liebe“ als alleinige Form sexueller Selbstbestimmung für ethisch und gegebenenfalls auch rechtlich verbindlich zu erklären. Es versteht sich, dass ihnen die in der Prostitution praktizierte „Trennung von Sexualität und Liebe“ ein Dorn im Auge ist – oder in der religiösen Terminologie der Prostitutionsgegnerin Dr. Ingeborg Kraus: die „Hölle auf Erden“.

Um nicht als ewig Gestrige angesehen zu werden, setzen Abolitionistinnen sich gerne als „Feministinnen“ in Szene, denen es um die Gleichstellung der Geschlechter und die Schleifung der letzten Bastionen des Patriachats geht. Sonderbar nur, dass sie dabei stets komplizenhaft mit Polizei, Kirchen, evangelikalen Sekten und konservativen Regierungen – den eigentlichen Säulen des Patriachats – aufs Engste kooperieren!

Abolitionisten inszenieren sich gerne als Verfechter/innen der „Menschenwürde“. Sonderbar nur, dass die Selbstbestimmung der Menschen, um deren Würde es angeblich geht, in diesem Konzept von Menschenwürde keine Rolle spielt. Denn über den Inhalt der Menschenwürde bestimmen nicht die Betroffenen, um die es doch gehen sollte, sondern vorab jene, die ohnehin gegen Prostitution eingestellt sind. So erklärt die UN-Konvention von 1949 die „Einwilligung“ von Sexarbeiter/innen zur Tätigkeit in der Prostitution für völlig unerheblich.

Um trotzdem in der Öffentlichkeit zu punkten, ist man darum bemüht, eigenen Bestrebungen den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität zu verleihen. So sucht man das akademische Ambiente und tagt im „Philosophicum“ der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz. Man umgibt sich gern mit Leuten, die als „Wissenschaftler/innen“ firmieren und die auf Abolitionisten-Versammlungen ihre tief sitzende Prostitutionsgegnerschaft zur Schau stellen.

So verwundert es nicht, dass Melissa Farley, eine für ihre pseudowissenschaftlichen Traktate bekannte amerikanische Psychologin und Prostitutionsgegnerin, Rednerin auf diesem „Weltkongress“ ist. Nach Angaben von EMMA wird die in den USA lebende, mittlerweile 77-jährige Farley auf dem Kongress ihre aktuelle Studie über „Freier in Deutschland“ vorstellen! Da darf man sich auf einiges gefasst machen.

Zu den bislang bekannten, zentralen Behauptungen von Frau Farley zählen Aussagen wie „63 % aller Prostituierten sind Opfer einer Vergewaltigung“, „71 % sind in der Prostitution körperlichen Angriffen ausgesetzt“, „68 % aller Prostituierten sind von posttraumatischen Belastungsstörungen betroffen“, „89 % wollen aus der Prostitution aussteigen“. Um Sexarbeit maximal zu dämonisieren, behauptet Farley darüber hinaus, dass die posttraumatische Belastung von Frauen in der Prostitution vergleichbar ist mit der von Kriegsveteranen. (siehe dazu: Farley et.al. (2003): Prostitution and Trafficking in Nine Countries)

Wer sich mit den Publikationen Farleys auseinandersetzt, erkennt, dass deren „alternative Fakten“ nicht etwa auf solider empirischer Forschung beruhen, sondern auf methodischer Trickserei, Intransparenz, Manipulation und Täuschung. Das qualifiziert sie zweifellos zur Teilnahme an der Mainzer Abolitionisten-Versammlung.

Trotz vielfältiger wissenschaftlicher Kritik an ihren unseriösen Behauptungen (z. B. Ronald Weitzer (2005): Flawed Theory and Method in Studies of Prostitution), hält Farley an dem von ihr verbreiteten Humbug weiterhin fest. Frei nach dem Motto: „Alles, was sich gegen Prostitution verwenden lässt, ist gut und nützlich, ganz gleich, wie es um dessen Wahrheitsgehalt bestellt ist.“ Es ist daher durchaus nicht ehrabschneidend, Farley als professionelle Schwindlerin und Hochstaplerin zu bezeichnen. Denn die von ihr präsentierten Zahlen können nie hoch genug sein, um das damit herbeifantasierte „Gewaltverhältnis Prostitution“ möglichst drastisch unter Beweis zu stellen.

Auch wenn Frau Farley nicht ernsthaft als Wissenschaftlerin bezeichnet werden kann, hält Doña Carmen e.V. es dennoch für erforderlich und geboten, sich argumentativ und wissenschaftlich mit den von ihr vertretenen Positionen auseinanderzusetzen.

Doña Carmen e.V. legt daher aus gegebenem Anlass eine 50-seitige Studie vor, die sich mit den zweifelhaften Methoden und Thesen von Melissa Farley inhaltlich befasst und sie Stück für Stück widerlegt. Die Abhandlung „Sind Prostituierte traumatisiert? – Eine kritische Auseinandersetzung mit Melissa Farley“ findet sich nachfolgend. Eine möglichst weite Verbreitung dieser Kritik ist erwünscht.

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